Die unbequeme Wahrheit

Warum der dreispuriger Ausbau der A9 südlich von Graz alternativlos ist

Aktuell ist der Baustopp der A9 in aller Munde. Der dreispurige Ausbau der Pyhrnautobahn in Graz würde jedoch zu einer massiven Entlastung führen und ist absolut notwendig, wie eine Analyse zeigt.

Zuletzt aktualisiert am 05.01.2022, 15:33

Dreispuriger Ausbau der A9 würde Staus auf der Pyhrnautobahn Abschnitt Graz entgegenwirken. Auf der Pyhrnautobahn (A9) kommt es immer wieder zu Staus. (Copyright: TIMDAVIDCOLLECTION - stock.adobe.com)

Der Abschnitt der A9-Pyhrnautobahn zwischen dem Knoten Graz-West und Slowenien wird verkehrspolitisch immer mehr zu einem Flaschenhals. Nicht nur in den Sommermonaten, zur Hauptreisezeit, sondern vielmehr täglich, vor allem zu den Pendlerstoßzeiten, führt das hohe Verkehrsaufkommen zu Überlastungen, die ein Ausmaß erreichen, das man in der Steiermark so noch nicht gekannt hat. Zähflüssiger Verkehr ist hier ein Regelzustand. Jede minimale Abweichung vom gewöhnlichen Verkehrsfluss (kleinere Unfälle, Pannen) lässt das System bereits heute völlig kollabieren, Staus sind die Folge. Kurzum, die Kapazitätsgrenzen sind am Limit und das prognostizierte Verkehrswachstum bis zum Jahr 2035 erfordert dringenden Handlungsbedarf, dies sowohl aus ökologischer als auch aus ökonomischer Sicht.

Im Bereich Schwarzlsee ergab die ASFINAG-Verkehrszählung im Jahr 2020 wochentags rd. 62.000 Kfz/24h in beiden Richtungen (54 Prozent davon Richtung Staatsgrenze). Laut einer Verkehrsprognose im Auftrag der ASFINAG (vgl. Gutmann 2019), steigt der Verkehr in diesem Bereich auf 92.000 Kfz/24h an, was einer Zunahme von knapp 50 Prozent zum status quo entspricht (!). 30.000 Fahrzeuge mehr, davon rund 5.000 Lkw sind hier zusätzlich zu erwarten, ein Wachstum das mit der positiven wirtschaftlichen Entwicklung der Region südlich von Graz (Logistik, Gewerbe- und Industriestandort, Bevölkerungswachstum) einhergeht. Wird der dreispurige Ausbau der A9 bis dahin nicht umgesetzt, droht eine Verkehrsverlagerung auf die Landes- und Gemeindestraßen der umliegenden, relativ dicht besiedelten Gemeinden. Ausweichverkehre würden das Problem also nicht lösen, sondern nur verschieben bzw. verschlechtern. Ein Ausbau des öffentlichen Verkehrs ist natürlich aus Pendler- und Wirtschafts-Sicht ebenso massiv zu befürworten, wird aber nicht vollständig zur Entlastung der Autobahn beitragen.

Der Unmut wächst, nicht nur auf Seite der Wirtschaft. Auch in der Bevölkerung stößt die Entscheidung des Verkehrsministeriums, die A9 vorerst nicht um eine dritte Spur zu erweitern auf immer mehr Unverständnis. Dies nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass der in Bezug auf den öffentlichen Verkehr weitaus besser erschlossene Großraum Wien etwa im Bereich der A2 sehr wohl mit einer Spurerweiterung bedacht wurde. Der Grund hierfür war schlichtweg, dass es keine Alternative zu einer Erweiterung gab. Ein genauerer Blick auf die Situation in der Steiermark macht klar, dass auch hier keine wirkliche und vor allem auch rasch wirkende Alternative zur Verfügung steht. An einem raschen Ausbau führt kein Weg vorbei und wir wollen im Folgenden auch kurz aufzeigen, dass diese Alternativlosigkeit keineswegs nur negativ zu sehen ist.     

Großraum Graz wächst sowohl bevölkerungstechnisch als auch wirtschaftlich

Der Großraum Graz (Graz, Graz-Umgebung) zählt zu den am stärksten wachsenden Ballungsräumen ganz Österreichs. Die prognostizierte Bevölkerungsentwicklung bis zum Jahr 2040 beträgt ein plus von rund 60.000 Einwohnern. Damit werden über eine halbe Million Menschen in der Region Ihren Lebensmittelpunkt haben. Dies entspricht einem Anteil von 40 Prozent (!) aller Steirerinnen und Steirer, derzeit liegt der Anteil bei rund 36 Prozent. Gerade der Süden von Graz war bereits in den letzten zehn Jahren von einer verhältnismäßig starken Bevölkerungszunahme geprägt.

In wirtschaftlicher Hinsicht ist die Entwicklungsachse Graz–Leibnitz von maßgeblicher Bedeutung, wie auch im Strukturbild des Landes Steiermark und in den Entwicklungsstrategien (2021) festgehalten wird.

Strukturbild der Steiermark zur Entwicklungsachse Graz-Leibnitz
Strukturbild Steiermark (Quelle: Land Steiermark)

 

Beschäftigungsintensive Leitbetriebe wie Magna, Anton Paar, Fresenius Kabi, Allnex Austria, Lidl oder DB Schenker (um einige zu nennen) finden sich entlang der A9. Diese wirtschaftliche Stärke kommt auch durch die Steuerkraftkopfquoten der Gemeinden entlang der A9 zum Ausdruck.

Mit der geplanten Erweiterung des Cargo Center Graz, dem intermodalen Güterterminal in Werndorf, sind weitere Wachstumsperspektiven in der Region absehbar, die einen Ausbau der A9 erforderlich machen. Das Güterterminal befindet sich am Schnittpunkt der Baltisch-Adriatischen Achse und der Pyhrn-Achse. Es ist somit ein idealer Logistikstandort und fördert die Verlagerung von Gütern auf die Schiene. Zunehmender LKW-Verkehr ist daher, trotz zunehmenden Ausbaus der Bahninfrastruktur, ebenso absehbar.

Das Ausbauprojekt ist vorbereitet, rasch umsetzbar und finanzierbar

Der dreispurige Ausbau der A9 in Graz ist von der ASFINAG schon länger in Planung. Noch im Jahr 2018 ging man von einer Baufertigstellung im Jahr 2025 aus. Im Vergleich zu anderen Projekten im Infrastrukturbereich sind daher sowohl die Finanzmittel grundsätzlich reserviert als auch (ein Großteil) der Ausbauflächen rechtssicher nutzbar. Die ASFINAG geht von einem Projektvolumen von 80 bis 100 Millionen Euro aus. Umweltrechtliche Aspekte werden ohnehin von einer unabhängig agierenden Behörde geprüft und sollten, sofern relevant, bewältigbar sein.

Alternative öffentlicher Verkehr: bis 2035 wohl nicht ausreichend vorhanden

Ob der hohen Zersiedelung und der dezentralen Verteilung der Arbeitsstätten sowie der gebotenen Flexibilität moderner Wirtschaftsabläufe stellt der öffentliche Verkehrsbereich auf absehbare Zeit keine echte Alternative dar. Es wurden seitens des Verkehrsministeriums zwar Lösungsvorschläge in Aussicht gestellt (Ausbau Eisenbahnlinie Werndorf – Spielfeld-Straß, Koralmbahn), diese sind aber vielmehr als notwendige Ergänzung, und nicht als Konkurrenz, zum dreispurigen Ausbau der A9 zu sehen.  Vor allem im Pendlerbereich sind auch Park & Ride-Möglichkeiten einzuplanen, deren Realisierung und Akzeptanz durch die Bevölkerung lange Zeiträume bedingen würde.  

Nicht-Ausbau fördert Ausweichverkehr und belastet Anrainergemeinden massiv

Die massiven Stauungen führen derzeit schon vermehrt zu Umwegsverkehren, die vor allem die Anrainergemeinden entlang der A9 betreffen. Neueren Prognosen zufolge wird sich die Anzahl der Ausweichfahrten vervielfachen und die Gemeinden verkehrstechnisch massiv belasten. So ist bei einem mangelnden Ausbau der A9 in Graz seitens des Landes Steiermark von einer Verlagerung von tausenden Fahrzeugen täglich auf das niederrangige Straßennetz auszugehen (!). Damit stünden dann das Land Steiermark und die Gemeinden vor enormen Problemen, der Bund würde die Verkehre gewissermaßen auf andere Körperschaften abwälzen und im Regen stehen lassen.

Staus verursachen Kosten, Umweltschäden und gefährden die Verkehrssicherheit

Ein weiterer Nachteil eines „Nicht-Ausbaus“ wäre, dass der zu erwartende Stillstand im Wechsel mit Stop-and-go-Verkehr (vgl. ASFINAG 2018) bis zum Jahr 2035 erhebliche volkswirtschaftliche und ökologische Kosten mit sich bringen würde. Produktivitätsverluste seitens der Arbeitnehmer bzw. Pendler wären die Folge. Ökologisch gesehen verursacht der Stop-and-Go-Verkehr um ein Vielfaches mehr CO2 und Stickoxide als flüssige Verkehre (vgl. ÖAMTC 2021) und die Verkehrssicherheit würde ebenso massiv darunter leiden.

Fazit: Rascher Ausbau der A9 ist unumgänglich und hat eine breite Basis in der Bevölkerung

An einem Ausbau der A9 führt mittelfristig kein Weg vorbei, es sei denn man lässt einen Verkehrskollaps systematisch zu. Nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Arbeitnehmervertreter AK und ÖGB sowie eine breite Basis der Bevölkerung stehen wegen den vorgebrachten Argumenten vereint hinter dem dreispurigen Ausbau der A9 südlich von Graz. „Unternehmen statt Unterlassen“ muss also die Devise sein.


Literaturverzeichnis

Gutmann G. (2019), A9 Pyhrn – Autobahn Knoten Graz-West – HAST Hengsberg – Machbarkeitsstudie zur Kapazitätserhöhung. ASFINAG.

Statistik Austria (2018), Kleinräumige Bevölkerungsprognose bis 2075.

Land Steiermark (2021), Strukturbild Steiermark mit funktionaler Gliederung.

ÖAMTC (2021), Pro Jahr 75.000 Tonnen mehr CO2 und 500 Mio. Staukosten durch Lobautunnel-Verzögerung, Pro Jahr 75.000 Tonnen mehr CO2 und 500 Mio. Staukosten durch Lobautunnel-Verzögerung | ÖAMTC (oeamtc.at)