EU-Mercosur: Neue Exportchancen für Österreichs Wirtschaft

Nach über 25 Jahren Verhandlungen hat die EU am 17. Jänner dieses Jahres das EU-Mercosur-Abkommen unterzeichnet und damit die weltweit größte Freihandelszone nach Bevölkerungszahl geschaffen. Seit dem 1. Mai 2026 wird der handelspolitische Teil des Abkommens zwischen der EU und den Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay nun vorläufig angewendet. Für Österreich eröffnet dieses Abkommen zahlreiche neue Chancen. Denn vor allem für eine offene und exportorientierte Volkswirtschaft wie die unsere ist der Abschluss neuer Abkommen enorm wichtig.

Zuletzt aktualisiert am 21.05.2026, 14:27

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Die Europäische Union steht zunehmend unter Druck. Die US-Zollpolitik, der Ukraine-Krieg und nun auch der anhaltende Konflikt im Nahen Osten zeigen: wir müssen uns wirtschaftlich auf breitere Beine stellen und unsere strategische Autonomie ausbauen. Doch wie kann uns das gelingen? Eine einfache Antwort oder eine einzelne Strategie gibt es nicht. Der Abschluss neuer Handelsabkommen mit Drittstaaten spielt aber sicherlich eine wichtige Rolle. Denn bereits während der Corona-Krise haben wir alle, daraus resultierende Engpässe an Produkten und Dienstleistungen miterlebt. Deshalb sind stabile und vor allem diversifizierte und resiliente Lieferketten für die wirtschaftliche Stabilität eines Landes essenziell.

Mit rund 270 Millionen Einwohner:innen bilden die Mercosur-Länder den sechstgrößten Handelsblock der Welt. Durch die neue Freihandelszone mit diesem Handelsblock entsteht nun ein gemeinsamer Markt mit über 700 Millionen Konsument:innen, der für die EU und für Österreich neue Exportchancen eröffnet. Das Ziel ist die Schaffung von stabilen und berechenbaren Regeln für den Handel mit Waren und Dienstleistungen und Investitionen.

Die EU ist der erste Partner, der ein Abkommen mit dem Mercosur-Raum abgeschlossen hat – und verschafft sich damit einen Wettbewerbsvorteil gegenüber internationalen Akteuren, insbesondere gegenüber China und den USA. Nicht zuletzt stärkt dieses Abkommen auch die strategische Partnerschaft mit Lateinamerika in Zeiten globaler Unsicherheiten.

 

Doch welche konkreten wirtschaftlichen Chancen bringt das Abkommen für Europa und Österreich mit sich?

Ein Blick auf die Entwicklungen der vergangenen zehn Jahre zeigt, dass sich bereits einiges getan hat. In dieser Zeit konnten die heimischen Unternehmen ihre Exporte in den Mercosur-Raum schon um 64 Prozent auf 1,3 Milliarden Euro steigern. Und aktuell exportieren bereits rund 1.110 österreichische Unternehmen Waren und Dienstleistungen dorthin. Davon sind ganze 67 Prozent kleine und mittlere Unternehmen. Das durch das Mercosur-Abkommen geschaffene Exportpotenzial für die österreichische Wirtschaft wird auf rund eine Milliarde Euro geschätzt.

EU‑Exporte hingegen könnten künftig insgesamt um bis zu 39 Prozent steigen, wobei insbesondere die Agrar- und Lebensmittelexporte in die Mercosur-Staaten sogar um nahezu 50 Prozent zulegen könnten. Dieser Anstieg europäischer Exporte in die neuen Märkte eröffnet neue Geschäftschancen, beispielsweise im Bereich der öffentlichen Beschaffung. Es wird deshalb mit der Entstehung von mehr als 440.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen in Europa gerechnet.

Bisher sind die Zölle in den Mercosur-Ländern hoch. Das soll sich nun ändern. Durch einen schrittweisen Abbau der Zölle sollen jene für Exporte aus Österreich um geschätzte 90 Millionen Euro pro Jahr gesenkt werden. In Brasilien beispielsweise betragen diese aktuell zwischen 14 und 20 Prozent für Maschinen sowie zwischen 14 und 35 Prozent für Transportmittel. Diese sollen, wie bei anderen Abkommen, schrittweise innerhalb von zehn bis fünfzehn Jahren vollständig auf null reduziert werden.

Die WKÖ sieht für Österreich Chancen in zahlreichen Bereichen, vor allem durch den Abbau der Zölle: Von Umwelttechnologien über den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur – insbesondere im Eisenbahnbereich – bis hin zu Automatisierung, Zulieferungen in der Luftfahrt und Autoindustrie sowie Pharma, Medizintechnik, im Dienstleistungsbereich und bei öffentlichen Ausschreibungen.

Auch in der Lebensmittelwirtschaft ergeben sich neue Marktchancen. Durch das Abkommen werden 13 österreichische Erzeugnisse mit traditionellen „geographischen Angaben“ geschützt und können damit besser verkauft werden. Darunter fallen beispielsweise Steirisches Kürbiskernöl und Steirischer Kren.

 

CETA als Erfolgsgeschichte für Österreich

Vor Abschluss von Handelsabkommen gibt es oft Bedenken aus unterschiedlichen Sektoren. In der Praxis zeigt sich die volle Wirkung solcher Abkommen meist nicht direkt nach Abschluss. Oft dauert es Jahre, bis man Bilanz ziehen kann. Auch das 2017 in Kraft getretene EU‑Kanada‑Abkommen (CETA) stand im Vorfeld stark in der Kritik. So wurde etwa befürchtet, dass europäische Umwelt-, Lebensmittel- und Sozialstandards auf ein niedrigeres kanadisches Niveau sinken könnten.

Nun steht fest: Für Österreich ist CETA eine Erfolgsgeschichte. Seit Ende 2016 sind die österreichischen Exporte außerhalb der EU jährlich um 37 Prozent gewachsen, die Ausfuhren nach Kanada sogar um 68 Prozent. Im Rahmen von CETA wurden nahezu alle Zölle im Warenhandel zwischen der EU und Kanada beseitigt. Das Abkommen ist damit ein gutes Beispiel dafür, wie Freihandelsabkommen die Nachfrage steigern und die Marktpräsenz europäischer Unternehmen stärken können.

 

Bedenken auch bei Mercosur-Abkommen

Auch das EU‑Mercosur‑Abkommen stößt seit Jahren auf starken Gegenwind, vor allem aus der Landwirtschaft. „Billiges Rindfleisch wird den heimischen Markt überfluten“ ist nur eines der zahlreichen Bedenken, die man (immer noch) im Zusammenhang mit dem EU-Mercosur-Abkommen hört. Fakt ist jedoch, dass die durch den Zollabbau begünstigte Menge an Rindfleisch überschaubar gering ist. Eine befürchtete Überflutung durch billiges lateinamerikanisches Rindfleisch ist daher stark zu bezweifeln. Um möglichen Wettbewerbsnachteilen im Landwirtschaftssektor entgegenzuwirken, sieht das Abkommen bilaterale Schutzklauseln sowie Zollkontingente vor. Darüber hinaus überwacht die Europäische Kommission besonders sensible Agrarprodukte kontinuierlich, um bei etwaigen Marktstörungen rasch eingreifen zu können.

 

Praktische Informationen

Die WKÖ stellt umfassende Informationen zum Abkommen zur Verfügung. Um die heimischen Unternehmen zu unterstützen, richtet die AUSSENWIRTSCHAFT AUSTRIA den Fokus auf die Mercosur-Länder: Von Wirtschaftsmissionen über Veranstaltungen bis hin zu Webinaren finden Unternehmen dort alle Informationen.

Zudem bieten die AußenwirtschaftsCenter São Paulo und Buenos Aires kostenlose individuelle „Zollsatz-Checks“ an. Dabei wird geprüft, ob ein Produkt unter das Abkommen fällt, und wenn ja, über wie viele Jahre der Zollabbau erfolgt.

 

Quellen:

factsheet-mercosur.pdf

Handelsabkommen EU-Mercosur: Vorläufige Anwendung – WKO

WKÖ-Schultz: Vorläufige Anwendung des Mercosur-Abkommens stärkt Österreichs Exportchancen – WKO

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