Neuer Halt, neue Chance: Alles Verkehr(t) im Großraum Graz?
Graz wächst – und mit der Stadt wächst auch der Verkehr. Doch reicht das bestehende System noch aus? Warum die Verkehrswende stockt und welche Maßnahmen jetzt entscheidend sind, um die Erreichbarkeit des Wirtschaftsraums langfristig zu sichern.
Zuletzt aktualisiert am 23.03.2026, 15:47
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Graz ist als zweitgrößte Stadt Österreichs ein wichtiger Knotenpunkt im Verkehrsnetz. Doch der Anstieg an Pendlern, Touristen und Lieferverkehr stellt den Großraum Graz heute zunehmend vor Herausforderungen. Die zentralörtliche Funktion des Ballungsraumes erfordert eine besonders durchdachte Verkehrspolitik. Daher wurden in den letzten Jahren zahlreiche Maßnahmen ergriffen, um den Verkehr nachhaltiger und effizienter zu gestalten. Doch gelingt die Verkehrswende in Graz?
Der Großraum Graz (G, GU) ist neben dem Ballungsraum Wien (inklusive dem Wiener Umland und dem Nordburgenland) der am zweitstärksten wachsende Wirtschafts- und Lebensraum von Österreich. Bis zum Jahr 2040 wird die Region von aktuell 450.000 Einwohner:innen auf 493.000 Einwohner:innen wachsen. Dass damit in den nächsten 15 Jahren mehr Verkehrsströme zu erwarten sind, ist selbsterklärend.
Wirtschaftlich gesehen ist der Großraum Graz mit 46 Prozent der steirischen Wertschöpfung das Zugpferd der Steiermark schlechthin. Im Bildungs- und Ausbildungswesen ist die Stadt Graz zentral, nicht nur als Universitäts- und FH-Standort, sondern auch für viele Schüler:innen, die etwa aus dem Umgebungsbezirk täglich nach Graz einpendeln. Summa summarum zählt die Stadt Graz daher rund 112.000 Einpendler:innen (92.000 Erwerbstätige und 20.000 Schüler:innen und Studierende). Von allen größeren Städten in Österreich hat nur Wien wesentlich mehr Pendlerströme zu bewältigen, vom Niveau her ist Graz mit Linz vergleichbar, alle anderen Städte weisen deutlich weniger Verkehrsbelastungen aufgrund des Pendelaufkommens auf.
Trotz dieser enormen Belastungen, die auf die städtische Verkehrsinfrastruktur tagtäglich einwirken und aufgrund der demografischen Prognosen, die im Steigen begriffen sind, ist es der Politik bis dato nicht gelungen, nachhaltige Verkehrslösungen für eine Verkehrswende in Graz umzusetzen.
Aus Sicht der Wirtschaft und eines nachhaltig wettbewerbsfähigen Wirtschaftsstandortes sind folgende Maßnahmen zur Verbesserung bzw. Aufrechterhaltung der Erreichbarkeit des Großraumes Graz notwendig:
- Verbesserung der S-Bahn-Anbindung aus dem Norden (Bahnhof Gösting mit Verkehrsdrehscheibe)
- Derzeit fahren sämtliche Züge vom Norden kommend direkt zum Hauptbahnhof durch, von wo eine zentrale Verteilung mit Bussen und Straßenbahnen erfolgt. Hier besteht die Forderung nach einem S-Bahn-Halt auf Höhe Shopping-Nord/Weinzödl oder der HTL-Bulme. Beim Bahnhof Gösting könnte dann ein Nahverkehrsknoten mit ÖV-Anbindung (NVK Gösting) entstehen. Jedenfalls ist der Bahnhof Gösting mit einer direkten Straßenbahnanbindung in das Grazer Straßenbahnnetz zu integrieren.
- Der P+R Parkplatz Weinzödl stößt mittlerweile an seine Kapazitätsgrenzen, daher wären weitere P+R – Areale (Kreuzung Grazer Straße, Grabenstraße) mit Straßenbahnanbindung notwendig.
- Dynamische Parkleitsysteme in Überlegungen mit einbeziehen und Park-Angebote bewerben
40% der Kunden der Grazer Innenstadt kommen aus dem Umland. Viele dieser Besucher fahren nicht regelmäßig in die Innenstadt und kennen daher das durchaus „schwierig“ zu überblickende Grazer Verkehrsnetz samt Parkmöglichkeiten nicht gut. Um diese Besucher schneller zu freien Parkplätzen bzw. Park+Ride-Flächen zu leiten und damit den Parkplatzsuchverkehr zu verringern, ist die Einführung eines dynamischen Leitsystems mit Integration aller vorhandenen Innenstadtgaragen eine Alternative. Generell sollte das Tiefgaragen- und P+R-Angebot der Stadt Graz viel besser beworben werden.
- Sicherung von zentrumsnahen PKW-Stellplätzen
Sowohl die Ergebnisse der Einzelhandelsstrukturanalysen aus den Jahren 2014 und 2017, als auch eine Befragung aus dem Jahr 2011 und eine aktuelle, repräsentative Umfrage von Besuchern der Innenstadt aus Graz und dem Grazer Umland aus dem Jahr 2025 zeigen eines deutlich: Die Parksituation wird nach wie vor als größtes Manko bewertet, wobei in erster Linie das mangelnde, innenstadtnahe Parkangebot bekrittelt wird. Diese Umfragen bestätigen die große Bedeutung des PKW für die Innenstadt. Es braucht daher ein Bekenntnis zur Sicherung von Stellplätzen bzw. zumindest zur Schaffung von Ersatzflächen in Hoch oder Tiefgaragen, wenn Parkplätze zugunsten von ÖV oder Radwegeausbau gestrichen werden. Zentrumsnahe Erreichbarkeiten wie etwa in der Stadt Maribor sind auch für den PKW-Verkehr sicherzustellen.
- S-Bahn-Tunnel oder U-Bahn als große Verkehrslösung langfristig umsetzen
- Für beide Konzepte wurden Machbarkeitsstudien erstellt; damit Graz in Zukunft als zweigrößte Stadt Österreichs konkurrenzfähig bleibt, braucht es auch eine große Verkehrslösung in Form einer S-Bahn-Variante ins Zentrum oder einer U-Bahn.
Wichtige überregional bedeutende Projekte für Graz sind zudem folgende:
- Plabutschtunnel – Bau einer Entlastungsröhre
- Die ASFINAG hat angekündigt, den Plabutschtunnel bis 2035 umfassend sanieren zu müssen, was mit einer Sperre jeweils einer Tunnelröhre einherginge. Dieses Szenario würde eine Verlagerung von rund 20.000 (!) Fahrzeugen auf das niederrangige Straßennetz durch Graz bedeuten. Ein Verkehrskollaps wäre die Folge. Es sind daher alle Hebel in Bewegung zu setzen, dass vor der Sanierung, die vier bis fünf Jahre dauern könnte, eine dritte Entlastungsröhre realisiert wird. Da die volkswirtschaftlichen Staukosten bei Nichtrealisierung dieser Röhre rund 600 Mio. € ausmachen und die Baukosten laut ersten Schätzungen grosso modo in der selben Höhe liegen, ist von einer Kostenneutralität auszugehen.
- Ausbau der A9 im Süden – Dritte Spur zwischen Graz und Spielfeld und Begleitstraße
- Der Raum südlich von Graz wächst stark, zusätzlich wurden die Kapazitäten beim Cargo Center Graz erhöht. Der Bau einer dritten Spur in jede Fahrtrichtung ist dringend notwendig.
- Das Projekt Begleitstraße zur A9 ist vom Land Steiermark in Abstimmung mit den Gemeinden südlich von Graz voranzutreiben.
- Flughafenbahnhof Graz
- Die Realisierung des Flughafenbahnhofes bleibt auch nach der Inbetriebnahme des Semmeringtunnels (und damit verkürzter Fahrzeit zum Flughafen Wien) für die Steiermark als Tor zu den Hauptdestinationen und anderen internationalen Drehscheiben im Flugverkehr notwendig.
- Es sind die Voraussetzungen zu schaffen, dass der in allen Planungen und Bescheiden enthaltene Flughafenbahnhof Koralmbahn realisiert werden kann und damit der Flughafen Graz Anschluss an den nationalen und internationalen Schienenfernverkehr bekommt.
- Als Übergangslösung ist beispielsweise ein automatisiertes Bus-Shuttle von der bestehenden S-Bahn-Haltestelle bis zum Terminal einzurichten.
- Bahnstrecke Graz – Bruck/Mur – 4-gleisiger Ausbau
- Mit der Fertigstellung der Koralmbahn und des Semmeringbasistunnels ist im Abschnitt Graz-Bruck/Mur eine beträchtliche Verkehrszunahme zu erwarten, weshalb dieses Teilstück ohne Gegenmaßnahmen zum Flaschenhals auf der Baltisch-Adriatischen-Achse, die durch Österreich führt, werden wird.
- Elektrifizierung und neue Trassierung für Steirische Ostbahn
- Ein wichtiges Projekt auf der Schiene ist auch die steirische Ostbahn. Unmittelbar ist dabei die Elektrifizierung der Bestandsstrecke anzustreben. Langfristig sind eine Neutrassierung zwischen Raaba und Gleisdorf (zweigleisig) und eine direkte Anbindung an die Koralmbahn sinnvoll.
Der Großraum Graz steht wegen steigender Umlandverflechtungen, Lieferverkehr und Tourismus vor wachsenden Verkehrsproblemen, sowohl in der Innenstadt, als auch in der Umgebung. Eine wirksame Verkehrswende konnte bisher nur in Teilbereichen umgesetzt werden. Empfohlen werden daher, mehr Park+Ride-Flächen, dynamische Parkleitsysteme, Verbesserungen im öffentlichen Verkehr sowie große Infrastrukturprojekte wie Plabutschtunnel, A9-Ausbau, Flughafenbahnhof und Schienenmodernisierungen zur Verbesserung der überregionalen Erreichbarkeit. Ziel ist es, Graz als wirtschaftlich attraktiven, gut erreichbaren und nachhaltigen Standort zu sichern und den zweitgrößten Ballungsraum von Österreich auf internationaler Ebene wettbewerbsfähig zu gestalten.

