Neue Ansätze zur Berufsvorbereitung im urbanen Raum

Die Diskrepanz ist offensichtlich: Unternehmen suchen Fachkräfte und Lehrlinge, Jugendliche suchen Lehrstellen. Zu viele Unternehmen finden nicht den für sie passenden Nachwuchs. Zu viele Jugendliche finden nicht den Weg in die Lehre und scheitern in Schulen, die für sie nicht die richtige Lernumgebung bieten können.

Zuletzt aktualisiert am 29.01.2026, 08:17

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Die Erziehungswissenschaften wissen es längst: Es gibt unterschiedliche Lerntypen, es gibt Jugendliche, die für das „klassische“ schulische Lernen disponiert sind, und es gibt Jugendliche, die Lerninhalte nur in Verbindung mit praktischer Anwendung aufnehmen.

Das hat nichts mit „besser“ oder „schlechter“ zu tun. Es ist ganz einfach „anders“ – und darauf müssen Schule und Bildung, aber auch Unternehmen, Bedacht nehmen.

Ein Blitzlicht von einem Tischlerstand auf einer Bildungsmesse möge dies verdeutlichen:

Eine Tischlerin zeigt einer Gruppe von Schülerinnen und Schülern eine runde Tischplatte mit einem Meter Durchmesser. „Den Rand rundherum wollen wir furnieren“, sagt er. „Wie lang muss das Furnierband sein?“ Es wird geschätzt: von einem bis zu sieben Metern. Im Hintergrund wird die Lehrerin unruhig und flüstert aufgeregt: „Zwei r pi, zwei r pi!“ Ein Schüler dreht sich erstaunt zu ihr um. „Ach so“, sagt er. „Dafür ist das?“

Dieser Jugendliche wird vermutlich in einer Ausbildung, die Theroriewissen mit Praxis verbindet, wesentlich besser aufgehoben sein als in einer Schule, die überwiegend theoretisch und abstrakt unterrichtet.

Genau das ist die Aufgabe der Polytechnischen Schule, die im 9. Schuljahr Jugendliche gezielt und strukturiert auf einen beruflichen Fachbereich vorbereitet. Diese Schulart hat österreichweit äußerst positive Erfolgsquoten: Mehr als 85 % der Absolventinnen und Absolventen schließen danach ihre Berufsausbildung erfolgreich ab, zum überwiegenden Anteil in einer betrieblichen Lehre.

Allerdings sind die Unterschiede zwischen ländlichen und städtischen Umgebungen gravierend. Gerade halb so viele Jugendliche im städtischen Umfeld wählen eine Polytechnische Schule als solche in den ländlichen Regionen. Dies hat drastische Auswirkungen auf Bildungserfolge Jugendlicher in den Schulen. Die Abbruchraten in weiterführenden Schulen sind in der Stadt wesentlich höher als in den Regionen. Dies hat auch Auswirkungen für Unternehmen, die in der Stadt wesentlich schwieriger Zugang zu qualifiziertem Nachwuchs finden.

Hier setzt das neue Programm der Berufsvorbereitungsschulen in Graz an. Gemeinsam mit dem bisherigen Angebot der Polytechnischen Schule Graz und der Mittelschule Webling wird ab Herbst 2026 ein innovativer Verbund von „Berufsvorbereitungsschulen“ eingerichtet. An drei Grazer Mittelschulen – Viktor Kaplan (Andritz ), Puntigam, Smart City (Algersdorf) – werden Polytechnische Klassen angeschlossen. Diese Klassen bieten im Verbund alle beruflichen Fachbereiche zur Berufsvorbereitung an.

Dieses Angebot ist offen für Jugendlichen aus Grazer Schulen, die acht oder neun Schuljahre absolviert haben. Für Schülerinnen und Schüler der besagten Mittelschule bietet es einen besonderen Anreiz, noch ein Jahr am selben Schulstandort verbleiben zu können und sich gezielt auf eine berufliche Ausbildung in einem Unternehmen vorzubereiten.

Nähe zur regionalen Wirtschaft

Eine weitere Qualität des Konzeptes „Berufsvorbereitungsschulen Graz“ im Verbund ist die enge Verzahnung mit regionalen Unternehmen. Schülerinnen und Schüler erhalten sowohl in Werkstätten und Labors in den Schulen durch qualifizierte Lehrkräfte als auch in Praxistagen und Praxiswochen in Unternehmen Einblick in die berufliche Arbeitswelt. Für viele Jugendliche ist genau das der Schlüssel zum persönlichen Erfolg im weiteren Bildungsweg.

Auch dazu wieder ein kurzes Blitzlicht von einem Schlossermeister, der über seine Bildungslaufbahn berichtet:

Fünfmal ist er von der Schule geflogen. Nirgends hat es gepasst, nirgends fand er einen Zugang zum Lernen. Dann kam eine Schule, die ihn nahm, wie er war. Die ihm Türen zum außerschulischen Lernen öffnete. Metall — das war seins. Das wollte er. Also begann er, sich das anzueignen, was er dafür brauchte. Er schloss seine Ausbildung ab, machte den Meister und führt nun seit zehn Jahren erfolgreich seinen eigenen Betrieb.

Diese Schule war eine Polytechnische Schule. Damit verbunden ist die Aufforderung sowohl an Schulen und an Unternehmen im Großraum Graz, Jugendlichen im Alter von 14 bzw. 15 Jahren die Möglichkeit zu bieten, einen Bildungsweg zu wählen, der ihrem Lerntyp und ihren Vorstellungen entspricht. Das ist vor allem dann entscheidend, wenn Jugendliche noch nicht genau wissen, was sie wollen. Da ist es besser, nicht „irgendetwas zu probieren“, sondern ein schulisches Angebot zu wählen, das Zeit und Raum bietet zu erkunden, welcher weitere Ausbildungsweg am besten passt.

Nutzen wir dieses neue Angebot! Es bringt Jugendliche in für sie passende Bildungswege und es öffnet Unternehmen Zugang zu potenziellen Fachkräften.

Dazu ist jedoch Engagement und Mitwirkung erforderlich! Unternehmen im Großraum Graz sind herzlich eingeladen, sich aktiv an der Zusammenarbeit mit den Schulen des Verbundes „Berufsvorbereitungsschulen Graz“ zu beteiligen.

Übersicht der teilnehmenden Schulen

Die Anmeldung erfolgt direkt bei der jeweiligen Schule.

Weitere Informationen können gerne bei der Steirischen Volkswirtschaftlichen Gesellschaft unter office@stvg.com eingeholt werden.