Während die Schule Ferien macht, geht das Lernen weiter.
Neun Wochen Sommerferien, eine lange Lernpause und viele Familien, die Betreuung und Beruf unter einen Hut bringen müssen. Die Sommerschule soll Lernlücken schließen. Doch welche Rolle kann sie für den Lernerfolg, die Chancengerechtigkeit und die Fachkräftesicherung spielen?
Zuletzt aktualisiert am 15.10.2026, 14:38
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Was Jugendliche in der Schule lernen, ist auch für den späteren Einstieg ins Berufsleben entscheidend. Lesen, Schreiben, Rechnen, sprachlicher Ausdruck und die Fähigkeit, selbstständig zu lernen, bilden die Grundlage für Ausbildung und Beruf. Neun Wochen Sommerferien sind eine lange zusammenhängende Pause vom Schulalltag. Im europäischen Vergleich liegt Österreich damit zwar nicht an der Spitze, die Sommerferien liegen mit neun Wochen aber im oberen Bereich. In Europa reichen die Sommerferien je nach Land von rund sechs bis 14 Wochen. Lange Ferien sind aber nicht nur aus bildungspolitischer Sicht zu diskutieren. Für berufstätige Eltern bedeutet die Zeit von Ferienanfang bis Schulbeginn auch, Betreuung und Beruf über mehrere Wochen hinweg zu organisieren, zumal der Urlaubsanspruch von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in der Regel deutlich kürzer ausfällt.
Eine längere Lernpause ist dennoch wichtig, um Erholung und Abstand vom Schulalltag zu ermöglichen. Gleichzeitig kann eine lange Lernunterbrechung dazu führen, dass bereits erworbene Kenntnisse und Kompetenzen wieder aufgefrischt werden müssen. Eine österreichweite Untersuchung nach den neunwöchigen Sommerferien zeigte beispielsweise Lernverluste beim mathematischen Problemlösen und bei der Rechtschreibung. Entscheidend ist eine gute Balance zwischen Erholung, selbstbestimmten Aktivitäten und dem Erhalt wichtiger Lerninhalte. Genau hier setzt die Sommerschule an. Sie verkürzt die Sommerferien nicht, sondern ergänzt sie um zusätzliche Lernzeit, bevor das neue Schuljahr beginnt. Die Teilnahme ist kostenlos und bietet Schülerinnen und Schülern zusätzliche Lern- und Fördermöglichkeiten.
Lernen, bevor die Schule wieder beginnt
An fünf Tagen pro Woche stehen jeweils vier Stunden Lern- und Förderangebote auf dem Programm. Im Mittelpunkt stehen die Weiterentwicklung der individuellen Sprachkenntnisse, die Festigung grundlegender Kompetenzen und der gezielte Ausgleich von Lernlücken. Die Angebote verbinden fachliche Inhalte mit der Förderung von Selbstorganisation, Lernmotivation und sozialen Kompetenzen. Sie umfassen den Ausgleich von Lernlücken in Deutsch, Mathematik und Englisch, sprachsensiblem Unterricht, projekt- und themenorientiertes Lernen, individuelle Förderung sowie die Stärkung von Schlüsselqualifikationen. Die Förderung orientiert sich am jeweiligen Kompetenzstand der Schülerinnen und Schüler. So können Lernlücken gezielt reduziert und die Voraussetzungen für einen guten Start ins neue Schuljahr geschaffen werden. Auch Schülerinnen und Schüler mit bereits guten Kenntnissen können ihr Wissen vertiefen und eigene Kompetenzen weiterentwickeln, ab der 5. Schulstufe können diese die Sommerschule zudem als Buddies unterstützen. Dabei begleiten sie Jüngere und übernehmen Verantwortung im gemeinsamen Lernprozess. Unterrichtet werden die Kinder und Jugendlichen von erfahrenen Lehrkräften sowie Lehramtsstudierenden, die unterschiedliche Lernstände berücksichtigen und Lerninhalte gezielt vermitteln können. Die Sommerschule schafft damit zusätzliche Lernzeit, bereitet auf das neue Schuljahr vor und bietet gleichzeitig eine verlässliche Betreuungsmöglichkeit für Familien für die Dauer von zumindest 2 Wochen.
Von der Schulbank in den Beruf
Bildung endet nicht mit dem Schulschluss. Sie legt den Grundstein für einen erfolgreichen Start in eine Ausbildung und das Berufsleben. Gerade beim Übergang von der Schule in die berufliche Erstausbildung sind grundlegende Kompetenzen entscheidend: Wer Texte verstehen, sich sprachlich ausdrücken, mathematische Aufgaben lösen und eigenständig arbeiten kann, bringt wichtige Voraussetzungen für die weitere Ausbildung mit.
Die Sommerschule nimmt diese Perspektive auf: Die dort geförderten Schlüsselqualifikationen werden in der offiziellen Konzeption ausdrücklich als Grundlage für Selbstständigkeit und Eigenverantwortung im Alltags-, Schul- und Berufsleben bezeichnet. Dazu zählen Selbst-, Sozial- und Methodenkompetenzen. Je fundierter diese Basis, desto besser kann auch die weitere Ausbildung darauf aufbauen. In der Lehre kommen darauf aufbauend fachliche und praktische Kompetenzen im Ausbildungsbetrieb hinzu. Dafür sind grundlegende Kompetenzen wie Sprachverständnis, mathematisches Denken, Selbstständigkeit und Verlässlichkeit eine wichtige Basis. Wie wichtig diese für den Wirtschaftsstandort ist, zeigt auch der Blick auf den Fachkräftebedarf: 62,2 Prozent der befragten Unternehmen mit Fachkräftemangel berichten von häufigen Schwierigkeiten, geeignete Arbeitskräfte mit Lehrabschluss zu finden. Der Fachkräftebedarf zeigt sich damit besonders deutlich bei berufspraktischen Qualifikationen und unterstreicht die Bedeutung, frühzeitig gute Grundlagen für den weiteren Bildungs- und Berufsweg zu schaffen.
Die Sommerschule wächst
Wie stark das Angebot mittlerweile genutzt wird, zeigen die aktuellen Zahlen. Österreichweit nahmen 2026 rund 60.400 Schülerinnen und Schüler an der Sommerschule teil, so viele wie nie zuvor und rund 47 Prozent mehr als im Vorjahr mit 41.100 Teilnehmenden. An 920 Standorten wurden rund 4.200 Gruppen geführt. Damit ist die Sommerschule längst zu einem breit genutzten Bildungsangebot geworden. Eingeführt wurde die Sommerschule 2020 ursprünglich, um Schülerinnen und Schüler beim Aufholen coronabedingter Lernrückstände zu unterstützen. Seit 2022 steht das Angebot auch Schülerinnen und Schülern mit besonderen Interessen und Begabungen offen und wurde damit schrittweise weiterentwickelt.
Auch in der Steiermark wird das Angebot weiter ausgebaut. 7.768 Kinder und Jugendliche waren heuer für die Sommerschule angemeldet, um 1.253 mehr als 2025. Damit liegt die Steiermark im Bundesländervergleich bei den Anmeldezahlen auf Platz vier. An der Spitze steht Wien mit 15.718 Anmeldungen. Dahinter folgen Niederösterreich mit 11.072 und Oberösterreich mit 7.955 Schülerinnen und Schülern.
Seit 2026 ist die Teilnahme an der Sommerschule für außerordentliche Schülerinnen und Schüler aus Deutschförderklassen verpflichtend. Bundesweit galt dies heuer für rund 15.600 Schülerinnen und Schüler. Dennoch wurden 1.133 Schulpflichtverletzungen gemeldet. Damit kam etwa jede/r Vierzehnte der Teilnahmepflicht nicht nach. Die Regelung soll sicherstellen, dass die betroffenen Schülerinnen und Schüler gezielt gefördert werden und ihre Deutschkenntnisse weiterentwickeln können. In der Steiermark betrifft die Teilnahmepflicht rund 1.500 Schülerinnen und Schüler.
Die Neuregelung soll dazu beitragen, Deutschkenntnisse zu stärken und den Einstieg in den regulären Unterricht und in weiterer Folge in das Berufsleben zu erleichtern. Gleichzeitig bleibt die Sommerschule für viele andere Kinder und Jugendliche ein freiwilliges Angebot. Gerade aus Sicht des Wirtschafts- und Bildungsstandorts ist frühe und individuelle Förderung relevant. Die Sommerschule schafft zusätzlichen Raum, um Lerninhalte zu festigen, Deutschkenntnisse weiterzuentwickeln und Schülerinnen und Schüler gezielt auf die nächsten Bildungsschritte vorzubereiten. Damit unterstützt sie nicht nur den Start ins neue Schuljahr, sondern kann auch eine wichtige Grundlage für den weiteren Bildungs- und Berufsweg schaffen.
Bildung ist Standortpolitik
Ein leistungsfähiger Wirtschaftsstandort braucht gut ausgebildete Menschen und Arbeitskräfte. Die Basis dafür entsteht nicht erst am Arbeitsplatz, sondern viele Jahre davor. Die Sommerschule kann einen Beitrag dazu leisten, diese Grundlage zu stärken: durch den Abbau von Lernlücken, die Förderung von Sprach- und Grundkompetenzen, individuelle Unterstützung und Vorbereitung auf die nächste Bildungs- bzw. Ausbildungsstufe. Dabei geht es nicht nur um fachliches Wissen. Selbstorganisation, Eigenverantwortung und soziale Kompetenzen sind Schlüsselqualifikationen für das weitere Bildungs- und Berufsleben. Genau diese Kompetenzen werden in der Sommerschule ebenfalls gezielt gefördert.
Eine starke berufliche Ausbildung beginnt nicht erst mit dem ersten Arbeitstag. Sie baut auf dem auf, was zuvor gelernt und gefestigt wurde. Gerade weil Unternehmen bei berufspraktischen Qualifikationen und Lehrabschlüssen vielfach Schwierigkeiten haben, geeignete Fachkräfte zu finden, ist es wichtig, junge Menschen frühzeitig mit den notwendigen Grundlagen auszustatten. Die Sommerschule ist ein Baustein, um diese Basis zu stärken und bestehende Defizite aufzuarbeiten. Sie kann jedoch nicht jene Probleme lösen, die bereits früher entstehen. Umso wichtiger ist es, Sprachförderung früher anzusetzen und die Integration bereits im Kindergarten gezielt zu fördern. Wie groß der Bedarf ist, zeigen auch die Zahlen: 32,1 % der betreuten Drei- bis Fünfjährigen im österreichschnitt haben eine andere Erstsprache als Deutsch. In Wien liegt der Anteil sogar bei 60,0 %. Das verpflichtende zweite Kindergartenjahr ab 2027 ist ein Schritt in diese Richtung. Gleichzeitig muss die Frage gestellt werden, wie viele Kinder mit unzureichenden Deutschkenntnissen das Bildungssystem aufnehmen und gezielt fördern kann, ohne dass die Qualität der Ausbildung darunter leidet. Denn Integration ist erst dann erfolgreich, wenn sie langfristig auch die Chancen auf eine Ausbildung und den Einstieg ins Berufsleben verbessert.
Quellen:
https://www.statistik.at/fileadmin/announcement/2026/10/20261008KTHMonitoringbericht2025_26.pdf
https://eurydice.eacea.ec.europa.eu/data-and-visuals/european-school-calendars
https://www.bmb.gv.at/Themen/schule/zrp/sommerschule.html
https://orf.at/stories/3434243/
https://www.wko.at/oe/fachkraefte/unternehmensbefragung-arbeitskraefteradar.pdf
https://www.sn.at/politik/innenpolitik/1133-schulpflichtverletzungen-in-der-sommerschule-art-676845

