Wien rückt näher – neue Chancen für das Mürztal
Zwei Jahrhundertprojekte prägen die steirische Eisenbahninfrastruktur: Die Koralmbahn ist seit acht Monaten in Betrieb, der Semmering-Basistunnel rückt mit seiner geplanten Fertigstellung Anfang der 2030er-Jahre bereits in den Fokus. Welche Chancen ergeben sich daraus für den Güterverkehr und insbesondere für das Mürztal?
Zuletzt aktualisiert am 20.08.2026, 11:23
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Intermodaler Güterverkehr
Mit beiden Projekten entsteht eine durchgehend flache Alpenquerung auf der Baltisch-Adriatischen Achse – mit Steigungen von maximal 10 Promille (Ausnahme Arnoldstein–Tarvis)) und möglichen Zuglasten von 1.600 Tonnen und mehr. Die Region rückt in das Zentrum des europäischen Eisenbahnnetzes entlang der wichtigsten Nord-Süd Transversalen Europas, die Polen, Tschechien, Slowakei, Österreich, Italien bzw. seit 2024 auch Kroatien/Ungarn (Budapest) durchquert. Die Erreichbarkeit der adriatischen Seehäfen (besonders Koper, Triest) wird maßgeblich verbessert. Eine Anknüpfung an 28 intermodale Terminals entlang dieser Verkehrsachse sowie die Schnittstelle zum Westbalkan-Korridor (der in Ö die Pyhrn-Schoberachse beinhaltet) ist zudem wesentlich. Aufgrund der Entwicklungen am Markt, wie der Ausdünnung der Anschlussbahnen, Fahrermangel, steigenden Dieselpreisen, CO₂-Abgaben etc., ist davon auszugehen, dass der Intermodalverkehr langfristig weiter an Bedeutung gewinnen wird. In Bruck-Mürzzuschlag gibt es auch internationale Leitbetriebe wie innofreight, die auf industrielle Bahnlogistik und intermodale Transportlösungen spezialisiert sind.
Erreichbarkeitsgewinne
Durch den 27km langen Eisenbahntunnel durch den Semmering ergeben sich ab 2030 vom Bahnhof Mürzzuschlag aus betrachtet folgende Reise- bzw. Pendelzeiten:
- Wiener Neustadt*: ca. 0:25 (vorher 0:57)
- Wien Meidling*: ca. 0:50 (vorher 1:23)
- Wien Hauptbahnhof*: ca. 0:57 (vorher 1h30)
- Gloggnitz ca. 12 min. (vorher rund 1h)
Heute dauert die Fahrt von Mürzzuschlag nach Wien Hauptbahnhof mit dem Zug noch rund 1 Stunde 30 Minuten, nach Wien Meidling etwa 1 Stunde 23 Minuten und nach Wiener Neustadt 57 Minuten. Nach der Inbetriebnahme des Semmering-Basistunnels werden diese Zeiten massiv sinken: Mürzzuschlag–Wien Hauptbahnhof wird in etwa 57 Minuten, Mürzzuschlag–Wien Meidling in rund 50 Minuten und Mürzzuschlag–Wiener Neustadt in etwa 25 Minuten möglich sein. Selbst die Strecke Mürzzuschlag–Gloggnitz, die heute oft über eine Stunde dauert, wird auf rund 12 Minuten verkürzt. Insgesamt verkürzt sich die Reisezeit zwischen Wien und der Obersteiermark um bis zu 30 Minuten – ein enormer Impuls für Pendlerinnen und Pendler sowie für Unternehmen.
Die Obersteiermark-Ost wächst damit in einen neuen Pendler- und Wirtschaftsraum hinein: Allein in den niederösterreichischen Bezirken Baden (150.000 Einwohner), Mödling (121.500), Wiener Neustadt (130.500) und Neunkirchen (87.500) leben fast 490.000 Menschen. Dazu kommen rund 670.000 Menschen in jenen Wiener Bezirken, die im Einzugsgebiet der Bahnhöfe Hauptbahnhof und Meidling liegen, sowie 156.000 Bewohnerinnen und Bewohner der Obersteiermark-Ost. In Summe entsteht ein neuer potenzieller Lebens-, Arbeits- und Wirtschaftsraum mit rund 1,2 Millionen Menschen, der durch den Semmering-Basistunnel im Alltag erreichbar wird. Der Großraum Wien rückt wesentlich näher an das Mürztal heran!
| Wirtschaftlicher Schwerpunkt | Beschäftigte | Arbeitsstätten | |
| Mödling | Industrie, Gewerbe, Handel
(IZ NÖ Süd, SCS) |
80.000 | 14.000 |
| Bruck/Leitha | Logistik, Verkehr, Tourismus | 66.000 | 11.000 |
| Baden | Gesundheit, Tourismus, Weinbau | 60.000 | 13.000 |
| Wiener Neustadt | Hightech, Forschung, Industrie | 65.000 | 12.000 |
| Neunkirchen | Industrie, Produktion, Tourismus | 32.000 | 7.000 |
| 303.000 | 57.000 |
Wirtschaftspolitische Agenda und Ausblick
Die WKO Steiermark und ihre Regionalstelle Bruck/Mürzzuschlag arbeiten daher bereits an einer wirtschaftsorientierten Begleitagenda, um diese Chancen verwirklichen zu können. Aus Sicht der Wirtschaft braucht es etwa eine leistungsfähige Anbindung des Mürztals an Graz durch zusätzliche, hochgeschwindigkeitstaugliche Gleise zwischen Graz und Frohnleiten/Bruck an der Mur, Überholgleise für den Güterverkehr im Raum Langenwang–Kindberg, sowie Linienbegradigungen und Neutrassierungen im Mürztal – insbesondere bei Krieglach und zwischen Wartberg und Kindberg.
Ebenso zentral sind optimierte Zubringerstrukturen wie Park+Ride-Angebote, attraktive Regionalbahnhöfe und ein effizienter öffentlicher „Last Mile“-Verkehr in den Gemeinden. Die demografischen Prognosen können durch attraktive Angebote für Familien, die sich im Mürztal niederlassen womöglich etwas umgedreht werden.
Zudem sind bundeslandübergreifende Kooperation zu forcieren, ein Bereich den die Kammern zum Teil selbst in die Hand nehmen können durch Vernetzungsaktivitäten im B2B-Bereich und die Definition einer gemeinsamen Standortagenda mit Niederösterreich wie bei der Area Süd zwischen der Steiermark und Kärnten. Ein wichtiger Punkt betrifft auch die touristische Nutzung der alten Semmeringbahn als Weltkulturerbe und die sich ergebenden Potenziale durch neue Verbindungen im Fremdenverkehr.
Der Semmering-Basistunnel ist weit mehr als ein Infrastrukturprojekt. Gemeinsam mit der Koralmbahn verändert er die wirtschaftsgeografische Lage der Obersteiermark grundlegend. Das Mürztal rückt näher an Wien und an die europäischen Güterverkehrskorridore heran. Ob daraus zusätzliche Wertschöpfung, Arbeitsplätze und Bevölkerungswachstum entstehen, hängt nun davon ab, ob es gelingt, die neue Infrastruktur durch eine konsequente Standort- und Wirtschaftspolitik zu begleiten. Damit bietet sich der Region eine historische Entwicklungschance, die weit über den Verkehrsbereich hinausreicht.

