Neuer Halt, neue Chance: Warum Urbanität über die Zukunft von Graz entscheidet

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Die Koralmbahn bringt Graz näher zusammen. Doch ob daraus echte Chancen entstehen, entscheidet sich nicht auf den Gleisen, sondern in der Stadt selbst.

Zuletzt aktualisiert am 18.03.2026, 15:02

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Ein warmer Sommerabend in Graz.
Menschen sitzen am Mur-Ufer, Straßenmusik erklingt, Cafés sind voll, auf den Plätzen wird diskutiert, gelacht und gearbeitet. Städte leben von solchen Momenten. Sie entstehen nicht zufällig, sondern sie sind das Ergebnis von Urbanität.

Mit der Koralmbahn wurde eine der bedeutendsten Verkehrsinfrastrukturen Österreichs realisiert. Sie verbindet Graz und Klagenfurt in rund 41 Minuten und rückt damit den Süden Österreichs enger zusammen. Doch Infrastruktur allein macht noch keine lebendige Stadt. Infrastruktur schafft Möglichkeiten, doch Urbanität entscheidet, ob sie genutzt werden.

Graz wächst – doch Urbanität entsteht nicht automatisch

In den vergangenen Jahren hat sich Graz zu einem stark wachsenden Wirtschafts- und Universitätsstandort entwickelt. Laut Statistik Austria leben 2025 mittlerweile rund 305.000 Menschen in der steirischen Landeshauptstadt (Tendenz steigend). Seit 2010 ist die Bevölkerung um rund 20 % gewachsen.

Auch wirtschaftlich spielt Graz eine zentrale Rolle: Die Wirtschaftskammer Steiermark zählt in Graz rund 21.000 Unternehmen, von Ein-Personen-Unternehmen bis hin zu großen internationalen Unternehmen, die tausende Arbeitsplätze schaffen und das wirtschaftliche Rückgrat der Stadt bilden.

Doch Wachstum allein garantiert noch keine lebendige Stadt. Urbanität entsteht dort, wo Menschen bleiben wollen – in öffentlichen Räumen, auf belebten Plätzen, in Gastronomie, Kultur und Begegnung.

Die Koralmbahn als Jahrhundertchance

Mit der Koralmbahn öffnet sich ein neuer wirtschaftlicher Raum im Süden Österreichs, auch als „Area Süd“ bekannt. Die schnellere Verbindung zwischen Graz und Klagenfurt bringt nicht nur kürzere Reisezeiten, sondern eröffnet neue Möglichkeiten für Pendler:innen, Unternehmen, Tourismus, Fachkräfte und Studierende.

Internationale Studien zeigen, dass leistungsfähige Bahnverbindungen die wirtschaftliche Entwicklung ganzer Regionen beschleunigen können. Entscheidend ist jedoch, dass die angebundenen Städte attraktiv und lebendig bleiben. Genau hier sieht die Wirtschaft Handlungsbedarf.

Urbanität als wirtschaftlicher Standortfaktor

Aus Sicht vieler Unternehmer:innen droht die große Chance der Koralmbahn ungenutzt zu bleiben, wenn die Stadt nicht stärker auf Urbanität und wirtschaftliche Dynamik setzt. Lebendige Städte sind längst zu einem entscheidenden Standortfaktor geworden. Sie ziehen Menschen, Arbeitskräfte und Unternehmen an, fördern Innovation und schaffen jene Atmosphäre, die Unternehmen und Fachkräfte heute zunehmend suchen und brauchen.

Was eine lebendige Stadt braucht

Damit Graz vom neuen Infrastrukturprojekt profitieren kann, braucht es aus Sicht der Wirtschaft mehrere konkrete Schritte. Anbei ein Überblick der Ansätze, die seitens der Grazer Unternehmerschaft diskutiert werden:

  1. Mehr Raum für Veranstaltungen

Lebendige Städte zeichnen sich durch Kultur, Events und spontane Begegnungen aus. Eine Liberalisierung der landesgesetzlichen Veranstaltungsregelwerke und Stadtrichtlinien könnte neue Möglichkeiten für Festivals, Märkte oder kulturelle Initiativen schaffen.

  1. Attraktivere Rahmenbedingungen für Gastronomie

Gastgärten prägen das Stadtbild vieler europäischer Städte. Während etwa in Klagenfurt die Gastgartensaison länger dauert und die Sperrstunde später endet, gelten in Graz strengere Regelungen. Eine Ausweitung könnte die Aufenthaltsqualität und -dauer deutlich erhöhen.

  1. Öffentliche Plätze beleben

Plätze sind das Herz jeder Stadt. Ein strategisches Veranstaltungskonzept – gemeinsam mit der lokalen Wirtschaft, könnte wesentlich dazu beitragen Grazer Plätze stärker als Orte der Begegnung zu positionieren.

  1. Tourismus stärker regional denken

Die Koralmbahn schafft auch neue Chancen für gemeinsame touristische Angebote mit Kärnten, insbesondere mit der Stadt Klagenfurt. Eine stärkere Abstimmung könnte zusätzliche Besucher:innen in die Region bringen und den Süden Österreichs als gemeinsamen Lebens- und Wirtschaftsraum positionieren.

  1. Flüsse als urbane Lebensräume

Flüsse sind in vielen Städten zu zentralen Treffpunkten geworden. In München die Isar, in Paris die Seine, in Wien der Donaukanal. Sie sind Orte zum Spazieren, Sport treiben, Essen gehen oder einfach zum Verweilen. Und in Graz? Die Mur? Ja, auch in Graz gab es bereits konkrete Ideen, die Mur stärker als urbanen Lebensraum zu nutzen.

In den vergangenen Jahren wurde entlang der Mur tatsächlich viel investiert. Die Wege wurden ausgebaut, neue Aufenthaltsflächen geschaffen und die Uferbereiche aufgewertet. Heute nutzen viele Menschen die Murpromenade für Freizeitaktivitäten wie Radfahren, Joggen oder Inlineskaten. Als Bewegungsraum funktioniert die Mur also bereits sehr gut.

Gleichzeitig gibt es entlang der Mur noch Potenzial, die Aufenthaltsqualität weiter zu verbessern. Wer länger bleiben möchte, findet nur wenige Orte zum geselligen Zusammensitzen oder Essen. Gerade gastronomische Angebote könnten hier eine wichtige Rolle spielen. Wie stark solche Orte wirken können, zeigt etwa das Lokal „Fluss Fluss“ beim Puchsteg: Sobald Gastronomie direkt am Wasser vorhanden ist, entsteht automatisch Leben. Menschen bleiben länger, treffen sich, beobachten das Treiben am Fluss. Solche Orte können zu echten urbanen Magneten werden.

In Graz gab es durchaus konkrete Ideen, die Mur stärker als Lebensraum zu nutzen. Bereits 2019 präsentierte die Stadt mehrere Projekte zur Attraktivierung des Murraums, darunter Sonnendecks, neue Freizeitflächen, gastronomische Angebote sowie eine Surf- und Kajakwelle im Bereich der Murinsel. Insgesamt waren damals Investitionen von rund 6,5 Millionen Euro vorgesehen, um die Mur stärker als Naherholungs- und Begegnungsraum in die Stadt zu integrieren.[1]

Einige Maßnahmen wurden umgesetzt, andere blieben bislang in der Planungsphase oder wurden aus budgetären Gründen zurückgestellt.

Dass das Thema jedoch weiterhin auf der Agenda steht, zeigt auch ein aktueller Gemeinderatsbericht: Bereits 2019 erteilte der Grazer Gemeinderat den Auftrag, eine Ersatz-Surfwelle zu projektieren, nachdem eine frühere Wassersportwelle im Zuge des Kraftwerks Puntigam weggefallen war. 2024 folgte ein weiterer Schritt: Der Gemeinderat beschloss eine Projektgenehmigung für die Planung einer Surfwelle im Bereich des Mühlgangs im Volksgarten.[2]

Aktuelle Medienberichte zeigen nun, dass das Projekt tatsächlich weiterverfolgt wird. Die Surfwelle soll im Mühlgang im Volksgarten Gestalt annehmen. Der Standort gilt als technisch einfacher umsetzbar, da der Wasserstand dort konstant und kanalisiert ist. Für die Umsetzung werden rund 1,9 Millionen Euro veranschlagt.[3]

Zwar trägt dieses Projekt nicht unmittelbar zur Attraktivierung der Mur selbst bei, zeigt jedoch, dass die grundsätzliche Idee, neue urbane Freizeitangebote am Wasser zu schaffen, weiterhin verfolgt wird. Städte bestehen schließlich aus mehr als ihrer historischen Innenstadt oder ihrem größten Fluss. Eine nachhaltige Stadtentwicklung muss unterschiedliche Stadtteile und Räume mitdenken.

Vielleicht liegt genau darin eine wichtige Erkenntnis: Stadtentwicklung funktioniert selten linear. Manchmal entstehen gute Ideen zunächst an einem anderen Ort, bevor sie später auch auf andere Räume ausstrahlen.

Ein Blick nach Maribor zeigt jedenfalls, welches Potenzial in einer aktiven Nutzung von Flussufern liegen kann.

Und vielleicht lohnt es sich auch, noch etwas weiter zu denken: Warum nicht Wasserstadtführungen auf der Mur anbieten? Oder in den Sommermonaten kleine Fähren einsetzen, die verschiedene Punkte entlang des Flusses miteinander verbinden? Ein Beispiel dafür liefert etwa Hamburg, wo Wasserfähren längst ein fixer Bestandteil des urbanen Verkehrs- und Freizeitangebots sind.

Die Mur ist da. Der Raum ist da. Vielleicht braucht es nur noch ein wenig mehr Mut, ihn konsequent als Lebensraum mitzudenken.

Die Zukunft entscheidet sich jetzt

Städte stehen heute im Wettbewerb, um Talente, um Unternehmen und um Ideen. Attraktive Städte können einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung leisten. Die Koralmbahn kann für Graz ein enormer Standortvorteil sein. Doch ob sie tatsächlich neue Chancen bringt, hängt nicht nur von Gleisen und Zügen ab. Es hängt davon ab, wie lebendig, offen und unternehmerisch eine Stadt sein will.

Oder anders formuliert: „Erst wenn die Züge und die neuen Chancen an Graz vorbeiziehen und andere Städte die Arbeitsplätze, Unternehmen und Talente anziehen, wird man erkennen, dass die Koralmbahn eine Jahrhundertchance ist, die man nicht verschlafen darf.“

Die entscheidende Frage lautet also nicht, ob Graz wachsen wird, sondern wie urban diese Zukunft sein wird.

Quellangaben:

[1] Der Grazer (5. April 2019): Planung für Volksgarten fertig: Graz soll nun doch eine Surfwelle bekommen, abrufbar unter: grazer.at

[2] Stadt Graz (2024): Gemeinderatsbericht „Planung Surfwelle Mühlgang“, GZ A8-115740/2023-75

[3] Der Grazer (13. März 2026): Planung für Volksgarten fertig: Graz soll nun doch eine Surfwelle bekommen, abrufbar unter: grazer.at