Explodierende Strompreise: Reicht eine Abkehr vom Merit-Order-Auktionsmodell an der Energiebörse, um die Preise wieder ins Lot zu bringen?

Das Merit-Order-Prinzip ist ein gängiges Auktionsmodell an der Energiebörse und wird in jüngster Zeit immer öfter mit den steigenden Preisen in Verbindung gebracht. Doch ist dieses wirklich hauptverantwortlich für die aktuelle Preisentwicklung?

Zuletzt aktualisiert am 16.09.2022, 12:41

Ein 20 Euro Schein liegt auf einem 50 Euro Schein. Daneben ein eingerollter 50 Eruo Schein und ein Stromstecker.

An der Europäischen Energiebörse EEX verdichten sich die Zeichen, dass nach der Preisexplosion im Gasbereich auch die Strommarktpreise folgen und in den kommenden Monaten einer massiven Verteuerung unterliegen werden. Bei der Ursachenforschung wird neben vielen, mitunter auch mutmaßlich vorgeschobenen Gründen, in jüngster Zeit vor allem das an der Energiebörse gängige Auktionsmodell der Merit-Order als hauptverantwortlich für die Preiseentwicklung angesehen. Doch stimmt das tatsächlich? Ganz so einfach ist die Sache nicht, da das Merit-Order-Prinzip auf einem Wettbewerbsansatz beruht, der trotz der Strommarktliberalisierung bei weitem nicht erfüllt ist bzw. durch politische Zielsetzungen, allen voran die Energiewende, konterkariert wird. Im Rahmen dieses Beitrags wollen wir zum einen aufzeigen, wie sich der Strompreis zusammensetzt, was das Merit-Order-Prinzip ausmacht, welche Alternativen es dazu gibt und was die grundsätzlichen Herausforderungen für Auktionsmodelle sind sowie was tatsächlich geschehen müsste, um die Strommarktpreise im Einklang mit dem Gedanken des Wettbewerbs wieder zu stabilisieren.

Die begrenzte Rolle des Strommarktes: 3/5 des Strompreises entfallen auf Netztarife, Steuern und Abgaben 

Durch die jüngst entfachte Diskussion um die Marktpreise für elektrische Energie und das Merit-Order-Auktionsmodell wird der Blick auf ein wesentliches Faktum rund um den Strompreis bewusst oder unbewusst verstellt: der auf dem Wege des Strommarktes ermittelte Energiepreis macht lediglich 2/5 des Gesamtstrompreises aus. Die restlichen 3/5 der Stromrechnung gehen zu je rund 50 % an den jeweiligen Stromnetzbetreiber sowie Bund bzw. Gemeinden. Damit tragen der Staat und die staatlich regulierten Monopole im Netzbereich sehr wesentlich zur Entstehung des Strompreises bei. Eine ernsthafte Diskussion über mögliche Entlastungsschritte darf diesen Umstand nicht ausklammern. Eine echte Preisentlastung inkludiert zwingend auch Entlastungsschritte im Bereich der staatlich fixierten Preiskomponenten.

Die Energiebörse und deren Auktionsmodell: das Merit-Order-Prinzip

Kommen wir damit zur Marktseite und dem derzeit gängigen Auktionsmodell der EEX-Strombörse, der Merit-Order. Als Merit-Order (dt.: Reihenfolge der Vorteilhaftigkeit) wird in der Energiewirtschaft die Einsatzreihenfolge der stromproduzierenden Kraftwerke auf einem Stromhandelsplatz bezeichnet. Die Reihenfolge, in der Kraftwerke zugeschaltet werden, bestimmt sich anhand ihrer Grenzkosten. Gemeint sind damit die zusätzlichen Betriebskosten, die ihnen durch die Erzeugung gewisser zusätzlicher Strommengen entstehen würden. Beginnend mit dem Kraftwerk mit den niedrigsten Stromgestehungskosten, werden nach und nach Kraftwerke zugeschaltet, bis der Bedarf gedeckt ist. Das dadurch letztgereihte Kraftwerk – meist sind dies teure, thermische (Gas-)Kraftwerke – bestimmt den Preis (Einheitspreis oder „Market Clearing Price“) für alle zugeschalteten Kraftwerke. Die nachgereihten Kraftwerke gelangen aufgrund fehlender Nachfrage bzw. des zu teuren Gebots nicht zur Anwendung. Kraftwerke, die Strom aus erneuerbaren Energien erzeugen, weisen sehr niedrige Grenzkosten auf und erhalten daher sowie aufgrund ihres Einspeisevorrangs jedenfalls einen Zuschlag bei der Auktion.

Dieses Modell führt dazu, dass Bieter ihre Kosten für kommende Auktionen zu verringern versuchen. Stromanbieter, die mit niedrigen Grenzkosten arbeiten, können umgekehrt sehr hohe Deckungsbeiträge erzielen. Unrealistisch tief angesetzte Gebote werden aber auch dadurch verhindert, dass sie auch tatsächlich zu diesem Preis liefern müssten, wenn sie am Schnittpunkt von Angebot und Nachfrage liegen würden.

Alternativen zum Merit-Order-Prinzip

Kritische Stimmen sprechen sich nun für eine Neuorientierung im Rahmen des Strommarktdesigns aus und fordern statt der seit 2001 angewandten Einheitspreismethode die Ermittlung des Strompreises anhand alternativer Ansätze bzw. Auktionsmodelle.  Folgende Ansätze werden in Expertenkreisen diskutiert und könnten das derzeitige Merit-Order-Prinzip ablösen:  

Pay-as-bid-Modell

Im Rahmen des “pay-as-bid“-Modells (Gebotspreisverfahren), das beispielsweise in der Schweiz angewendet wird, werden anders als bei der Merit-Order alle bezuschlagten Bieter in Höhe ihrer Gebote vergütet. Allerdings bieten die Erzeuger zu einem höheren Preis als ihre tatsächlichen Grenzkosten an, da ihr Gebot den Deckungsbeitrag inkl. Risikoaufschlag beinhalten muss, um diesen bei Zuschlagserteilung auch jedenfalls zu erhalten. Aus dem Durchschnitt aller bezuschlagten Gebote ergibt sich folglich der Marktpreis. Die Umstellung auf dieses Modell hätte eine unmittelbare Änderung des Bieterverhaltens zur Folge und brächte somit höhere Risiken für alle Marktteilnehmer sowie Marktunsicherheiten mit sich.

Modellvergleich Merit-Order-Verfahren vs. Pay-as-bid-Verfahren
Vergleich: Merit-Order-Verfahren vs. Pay-as-bid-Verfahren

Multi-Merit-Order-Modell

Mit einem Merit-Order-System gestaffelt nach Energieträgern könnten die hohen preislichen Mitnahmeeffekte bei bestimmten Erzeugungsanlagen, etwa im Wasserkraftbereich, zumindest hintangehalten werden. Im Sinne der Grenzkostenbetrachtung wären Sonne und Wind ein eigener Marktbereich, ebenso die Kernenergie, aber auch Kohlestrom (Braun- und Steinkohle) und schließlich Gas. Eine praktische Erprobung dieses Ansatzes steht allerdings noch aus.

De-Liberalisierung

Eine weitere, aus derzeitiger Sicht eher abwegige erscheinende Alternative bildet der Ansatz einer Rückkehr zum Stromversorgungssystem der Pre-Liberalisierungsphase. Das wäre gleichbedeutend mit einer Aufhebung der Trennung von Erzeugung und Stromnetz und folglich einer Rückkehr zu einem staatlich regulierten System mit Leistungs- und Energiepreisen.

Das grundlegende Problem der Strombörse: es gibt keinen echten Wettbewerb

Mit der Strommarktliberalisierung hielt der Marktwirtschaftsgedanke Eingang in die E-Wirtschaft. Nach dem bereits ausführlich beschriebenen Grenzkostenprinzip der Merit-Order kamen und kommen Kraftwerke je nach Bedarf und Preis zum Einsatz. Über viele Jahre hinweg regelte der Strommarkt dies vor allem aus Sicht der Konsumenten mit sichtbarem Erfolg. Durch die im Laufe der vergangenen zehn bis 15 Jahre sukzessive gesteigerte politische Einflussnahme sind die Marktkräfte jedoch aus den Fugen geraten. Es traten ferner auch Konstruktionsfehler in Bezug auf die Strombörse zutage, die lange Zeit unbemerkt geblieben sind. Folgende Fakten wurden und werden ausgeblendet:  

  • Regenerativ und konventionell erzeugter Strom werden als ein Produkt behandelt und gehandelt, obwohl es ein gravierendes Unterscheidungsmerkmal gibt, das eine Gleichbehandlung im Sinne der Grenzkostenbetrachtung unzulässig macht:  Strom aus Kernkraft, Kohle, Gas und im Wesentlichen auch Wasser sind de facto terminlich lieferbar – Wind und Sonnenstrom sind dies nicht. Für letzte bedarf es eines Back-Ups in Form von konventionellen Kraftwerken, die allerdings nicht in die Grenzkostenbetrachtung einfließen.
  • Für wetterabhängige erneuerbare Energieträger gilt folglich: Niedrige bzw. Null- Grenzkosten – hohe Ausgleichsenergiekosten. Die Kostenwahrheit, die im Hinblick auf die negativen externen Effekte bei konventionellen Energieträgern gerne betont werden, bleibt in Bezug auf Wind und Photovoltaik unerwähnt.
  • Während konventionelle Erzeuger für Nicht-Lieferung mit hohen Strafen bedacht werden, gilt dies für erneuerbaren Strom aus Wind und Photovoltaik nicht. In einem echten Markt müssten aber auch diese Marktteilnehmer ihrer Lieferverpflichtung nachkommen. Dies funktioniert aber, wie schon erwähnt, nur über die Bereitstellung konventioneller und nach der Grenzkostenbetrachtung teurer, meist fossiler Erzeugungsanlagen (Kohle bzw. Gas).
  • Durch die sukzessive Einschränkung der Nutzung von konventionellen Energieträgern (Kohle und Kernkraft) in Deutschland und die daraus resultierende Verengung des Energiemix hat sich die Kostensituation verschärft. Die durch den hohen erneuerbaren Anteil am Strommix notwendige Ausgleichsenergie erfolgt nicht mehr durch vergleichsweise günstige Energieträger, sondern durch den derzeit teuersten Energieträger: Erdgas.  

Kurzum: Wir haben in Europa zwar eine Energiebörse, jedoch keinen echten wettbewerbsbasierten Markt, weil in diesen permanent eingegriffen wird. Aufgrund dessen erleben wir eine massive Preisexplosion im Bereich der elektrischen Energie. Das Auktionsmodell der Merit-Order hat folglich bestenfalls untergeordnet Einfluss auf diese Entwicklung. Bevor das Preisbestimmungsverfahren diskutiert wird, gilt es viel mehr den Markt für elektrische Energie wieder in einen echten Markt zu verwandeln, so man das Preisniveau wieder in nachvollziehbare Gefilde führen will.

Fazit: Bevor Alternativen zur Merit-Order diskutiert werden, braucht es (wieder) einen echten Strommarkt

Die hohen Strompreise, wie wir sie derzeit erleben, werden kein Kurzfristereignis bleiben, wenn nicht die Weichen in Richtung eines echten, wettbewerbsbasierten Strommarktes gestellt werden. Dies heißt allerdings, dass man den Weg der Technologieoffenheit beschreiten muss, der von Verboten bestimmter Energieträger wieder Abstand nimmt. Denn die Liberalisierung im Strombereich hat über einige Jahre hinweg Wirkung gezeigt. Erst als in diesen Markt durch Verbote, Subventionierungen und unrealistische Zielvorgaben eingegriffen wurde, kam es zu Verwerfungen, deren Folgen wir jetzt in vollem Umfang zu spüren bekommen. Auktionsmodelle wie das Merit-Order-Prinzip sind demnach nicht per se zu verteufeln und auch nicht Ursache für die massiv gestiegenen Preise, sondern fördern lediglich jene Ergebnisse zutage, die das Rahmenmodell zulässt. Der Weg zu niedrigeren Strompreisen führt folglich zum einen nur über einen „echten“ Markt und zum anderen natürlich über die Reduktion der Fixkosten in Form von Steuern, Abgaben und Gebühren. Was beide Bereiche eint: beides ist machbar – es bedarf lediglich des politischen Willens.