Studie

Wirtschaftsbarometer: Robuste Konjunkturlage in turbulenten Zeiten

Corona, der Ukrainekrieg und die damit verbundenen Maßnahmen schweben wie ein Damoklesschwert über der Konjunkturerholung der steirischen Wirtschaft. Davon zeugt das neue Wirtschaftsbarometer der Wirtschaftskammer Steiermark.

Zuletzt aktualisiert am 02.08.2022, 12:55

Illustration mit Rohstoffen, Paketen und einem Ölfass sowie einer Grafik Copyright: stock.adobe.com/VectorMine

Einerseits rutschen die Saldenwerte beim allgemeinen Wirtschaftsklima wieder in den Negativbereich (-1,5 Prozentpunkte bei der Bewertung der aktuellen Lage, -52,3 Prozentpunkte bei den Erwartungen für die kommenden Monate), andererseits wird die individuelle Wirtschaftsentwicklung in den Unternehmen selbst durchwegs positiv bewertet. Als größte Herausforderungen werden der Arbeits- und Fachkräftemangel (85,3 Prozent), die Energie- und Rohstoffpreise (76,9 Prozent) sowie die Lieferkettenproblematik (71,2 Prozent) genannt.

Nach dem Ende der Corona-Einschränkungen wären die Konjunkturpfeile im Frühjahr eigentlich auf kräftiges Wachstum ausgerichtet gewesen. Doch dann kam der Ukrainekrieg und mit ihm nicht nur (un)menschliches Leid, sondern auch neue wirtschaftliche Einschränkungen. Diese haben auch die Stimmung in der steirischen Wirtschaft getrübt, wie die Einschätzung des allgemeinen Wirtschaftsklimas im neuen Wirtschaftsbarometer zeigt.

845 Unternehmen haben an der großen Konjunkturumfrage der Wirtschaftskammer Steiermark teilgenommen. 33,4 Prozent geben an, dass das Wirtschaftsklima sich verschlechtert habe – 31,9 Prozent sehen eine Verbesserung. Ergibt unterm Strich einen Negativsaldo von -1,5 Prozentpunkten. Beim Erwartungssaldo für die kommenden zwölf Monate sinkt dieser Wert sogar auf -52,3 Prozentpunkte. Damit gerät der konjunkturelle Konsolidierungskurs gehörig ins Wanken – doch er ist noch nicht ins Negative gekippt! Denn die bisherige Entwicklung des eigenen Unternehmens wird entgegen dem allgemeinen Wirtschaftsklima (noch) durchaus positiv bewertet. Sämtliche Saldenwerte befinden sich hier deutlich im Plus. Die Daten im Detail: Gesamtumsatz +42,0 Prozentpunkte, Auftragslage +37,8 Prozentpunkte, Preisniveau +74,3 Prozentpunkte, Investitionen +24,3 Prozentpunkte und Beschäftigung +24,8 Prozentpunkte.

Auch bei den Erwartungen spiegelt sich die optimistischere Haltung für das eigene Unternehmen im Vergleich zum allgemeinen Wirtschaftsklima wider. Der Saldo für die künftige Entwicklung des Gesamtumsatzes beträgt +8,2 Prozentpunkte sowie +3,3 Prozentpunkte bei der Auftragslage. Beim Preisniveau liegt die Differenz bei +60,9 Prozentpunkten, bei den Investitionen bei +0,2 Prozentpunkten und bei der Beschäftigung +11,1 Prozentpunkten.

Flaschenhals eines jeden Aufschwungs ist und bleibt der Arbeits- und Fachkräftemangel. Dieser wird in der Umfrage von 85,3 Prozent zu den größten Herausforderungen gezählt. Auf Platz zwei folgen die Teuerungen im Energie- und Rohstoffbereich, diese werden von 76,9 Prozent der Unternehmerinnen genannt. Danach folgen Lieferkettenprobleme (71,2 Prozent), Arbeitskosten (41,1 Prozent) sowie – mit großem Abstand – Reisebeschränkungen (9,4 Prozent) und Liquiditätsengpässe (7,6 Prozent). Eine weitere Reduktion der Energieabgabe (66,2 Prozent) und der Mineralölsteuer (54,4 Prozent) sowie der Ausbau der erneuerbaren Energien (46,6 Prozent), gefolgt von der Abschaffung der kalten Progression (39,6 Prozent) werden als dringendste Maßnahmen gefordert.

Die steirische Wirtschaftsentwicklung im Detail

Umsatz

Der bisherige Geschäftsverlauf fällt deutlich besser aus, als es die allgemein herrschende Stimmungslage vermuten lässt. Mit +42,0 Prozentpunkten liegt der Saldo des Gesamtumsatzes der vergangenen zwölf Monate de facto auf Vorkrisenniveau und höher als im Herbst 2021 (gestiegen: 55,9 Prozent; gesunken: 13,9 Prozent). Die Umsatzerwartungen sind hingegen von der wieder steigenden Unsicherheit geprägt. Es gehen zwar mehr Unternehmen von einer positiven (36,3 Prozent) als von einer negativen Umsatzentwicklung (28,0 Prozent) aus, der Erwartungssaldo kommt dennoch bei lediglich 8,2 Prozentpunkten zu liegen.

Auftragslage

Die Rückmeldungen zur derzeitigen Auftragslage entsprechen dem steirischen Gesamtbild einer Konjunkturerholung. Die Auftragslage entwickelte sich in den vergangenen zwölf Monaten analog zur Umsatzentwicklung sehr erfreulich. Fast jedes zweite Unternehmen konnte steigende Auftragszahlen verbuchen, während lediglich 11,1 Prozent mit einer Verschlechterung der Auftragslage konfrontiert waren (Saldo bisher: 37,8 Prozentpunkte). Die Erwartungen für die kommenden Monate folgen diesem positiven Trend leider nicht. In puncto Auftragsentwicklung zeigen sich zwar 33,9 Prozent optimistisch, gleichzeitig aber auch 30,6 Prozent pessimistisch. Damit ergibt sich ein Erwartungssaldo von +3,3 Prozentpunkten und bewegt sich damit auf dem Niveau von Ende 2019.

Preise

Die außergewöhnliche Preisdynamik ist neben dem Arbeits- und Fachkräftemangel die derzeit größte Herausforderung für die heimische Wirtschaft. Die enorme Inflation schlägt sich sowohl in der bisherigen als auch in der erwarteten Verkaufspreisentwicklung nieder. 75,7 Prozent der Unternehmen mussten in den vergangenen zwölf Monaten die gestiegenen Preise für Energie, Rohstoffe, Vorleistungen, Material etc. an ihre Kunden weitergeben. Eine Senkung gab es dagegen nur bei 1,4 Prozent (Saldo +74,3 Prozentpunkte). 69,4 Prozent erwarten im weiteren Jahresverlauf einen erneuten Anstieg ihres Preisniveaus, während nur 8,5 Prozent von einer Verringerung ihrer Verkaufspreise ausgehen (Saldo + 60,9 Prozentpunkte). 

Investitionen

Die Investitionsunterstützungsmaßnahmen in den vergangenen beiden Jahren haben das Investitionsklima merklich angehoben. Vor allem aufgrund der Investitionsprämie fiel die Investitionsdynamik in den vergangenen Monaten sehr hoch aus. 36,2 Prozent der befragten Betriebe haben demnach ihr Investitionsvolumen ausgeweitet, lediglich 11,9 % haben dieses verringert (Saldo bisher: +24,3 Prozentpunkte). Die kommenden Monate sind allerdings von einer merklichen Zurückhaltung geprägt. Positive und negative Einschätzungen halten sich annähernd die Waage (Saldo: +0,2 Prozentpunkte). Ersatzbedarf (59,1 Prozent) und Neuinvestitionen (40,8 Prozent) sind gegenwärtig die Hauptmotive investierender Unternehmen. Neuinvestitionen werden dabei vor allem aufgrund von Nachhaltigkeits- (63,8 Prozent), Innovations- (60,2 Prozent) und Digitalisierungsüberlegungen (57,7 Prozent) getätigt.

Beschäftigung

Durch den Konjunkturaufschwung auf der einen und den demographischen Wandel auf der anderen Seite bleiben Arbeits- und Fachkräfte am steirischen Arbeitsmarkt weiterhin ein umkämpftes Gut. 34,4 Prozent der befragten Unternehmen haben in den vergangenen zwölf Monaten zusätzliche Beschäftigte aufgenommen, 26,4 Prozent planen auch im weiteren Jahresverlauf Personal aufzustocken. Die Salden in Bezug auf die bisherige und zukünftige Entwicklung liegen somit im Frühjahr 2022 signifikant im positiven Bereich bei 24,8 (bisher) und 11,1 Prozentpunkten (erwartet). In Anbetracht von rund 35.000 offenen Stellen mit Ende Mai 2022 sind diese Werte nicht weiter erstaunlich. Die Verfügbarkeit von Humankapital beeinflusst neben der Inflation den Konjunkturverlauf damit maßgeblich.

Export

Die steirischen Exportunternehmen profitieren von der dynamischen Aufwärtsentwicklung der Weltwirtschaft und fungieren damit gleichzeitig als Konjunkturmotor. Der Saldo des bisherigen Exportumsatzes hat sich gegenüber Herbst 2021 weiter signifikant verbessert und mittlerweile an das Vorkrisenniveau anknüpfen können. Bisher konnte fast die Hälfte der befragten Exportbetriebe ihren Exportumsatz steigern (Saldo: +37,7 Prozentpunkte), immerhin 32,7 Prozent erwarten auch für die kommenden zwölf Monate eine positive Entwicklung. Dennoch hat auch in den international agierenden Branchen die Zurückhaltung zugenommen. Der Erwartungssaldo liegt bei verhaltenen +8,1 Prozentpunkten und damit klar unter den Ergebnissen der vergangenen beiden Erhebungen.

Wirtschaftsklima in den Regionen

Obwohl die steirischen Unternehmen in den vergangenen zwölf Monaten mit einem herausfordernden wirtschaftlichen Umfeld konfrontiert waren, wird die Umsatzentwicklung von den befragten Betrieben überwiegend positiv beurteilt. Besonders in der Oststeiermark (Saldo bisher: +58,1 Prozentpunkte) und in der Hochsteiermark (+53,5) verzeichnet man überdurchschnittlich hohe Saldenwerte. Auch der Ausblick bleibt im Gegensatz zum allgemeinen Wirtschaftsklima vorerst stabil. Lediglich in der Oststeiermark, wo die Betriebe eine überdurchschnittlich gute bisherige Umsatzentwicklung rückmelden, und in der Süd-/Weststeiermark liegen die Erwartungssalden im Negativbereich (-13,0 und -39,6 Prozentpunkten).

Geschäftslage nach Betriebsgröße

Ein-Personen-Unternehmen

Den Ein-Personen-Unternehmen (EPU) hat nicht nur die Corona-Krise besonders stark zugesetzt, auch die aktuellen Herausforderungen scheinen diese stärker zu treffen als alle übrigen Größenklassen. Die Stimmung ist nach wie vor gedämpft, viele Salden liegen unter der Nulllinie. Mit einem Negativsaldo von -14,8 Prozentpunkten verzeichneten in den vergangenen zwölf Monaten mehr EPU eine negative (40,6 Prozent) als eine positive (25,8 Prozent) Umsatzentwicklung. Die eigenen Erwartungen gestalten sich dennoch überwiegend positiv (Erwartungssaldo: +10,2 Prozentpunkte). 35,2 Prozent der befragten EPU gehen von einer Aufwärtsbewegung aus, 25,0 Prozent rechnen mit einer Verschlechterung ihrer Umsatzsituation.

Kleinunternehmen

Die steirischen Kleinunternehmen erweisen sich in diesen turbulenten Zeiten als robust. Die Einschätzungen zum bisherigen Gesamtumsatz fallen sogar etwas besser aus als im Herbst 2021 und somit vor Beginn des Russland-Ukraine-Konflikts. Die Umsatzentwicklung der vergangenen zwölf Monate wurde mit einem Saldo von +25,6 Prozentpunkten größtenteils positiv bewertet (gestiegen: 47,2 Prozent; gesunken: 21,6 Prozent). Die Erwartungen an den weiteren Wirtschaftsverlauf werden aber zunehmend zurückhaltender. Bei einem Positivsaldo von +3,3 Prozentpunkten überwiegen die optimistischen Einschätzungen (28,1 Prozent) nur leicht die pessimistischen (24,8 Prozent).

Mittelunternehmen

Die steirischen Mittelunternehmen weisen auch im Frühjahr 2022 ein stabiles Konjunkturbild auf. Obwohl die Trendpfeile teilweise nach unten gerichtet sind, befinden sich die Saldenwerte durchwegs auf solidem Niveau. In puncto Gesamtumsatz konnten 55,7 Prozent der befragten Unternehmen eine positive Entwicklung verbuchen, 17,9 Prozent mussten hingegen Umsatzeinbußen hinnehmen (Saldo bisher: +37,7 Prozentpunkte). Auch der Ausblick bleibt trotz des schwierigen Wirtschaftsumfeldes vorerst stabil. 44,1 Prozent rechnen mit einem Anstieg und 22,5 Prozent mit einem Rückgang ihrer Umsätze (Erwartungssaldo: +21,7 Prozentpunkte).

Großunternehmen

Dass die Steiermark über eine vitale Unternehmenslandschaft verfügt, geht auch aus dem Konjunkturprofil der Großunternehmen deutlich hervor. Obwohl die vergangenen Jahre und Monate durch große Herausforderungen gekennzeichnet waren, erweist sich die Wirtschaftslage der steirischen Großunternehmen als robust. Die bisherige Umsatzentwicklung wurde mit einem Saldo von +66,1 Prozentpunkten klar positiv bewertet (gestiegen: 66,1 Prozent; gesunken: 0,0 Prozent). Die Erwartungen bleiben, wie im Herbst 2021, von Vorsicht geprägt, was in einem Negativsaldo von -4,0 Prozentpunkten zum Ausdruck kommt.