Offen gesagt

Das kostet der erneute Lockdown der steirischen Volkswirtschaft

Bis zu 100 Millionen Euro an Wirtschaftsleistung verliert unser Bundesland durch den aktuellen Lockdown – und das Woche für Woche. Eine volkswirtschaftliche Analyse der weitreichenden Folgen.

Zuletzt aktualisiert am 16.09.2022, 12:49

Taschenrechner auf der Schriftzug Coronavirus abgebildet ist, dahinter Geldscheine und Münzen, welche die Kosten des Lockdowns widerspiegeln sollen. Copyright: studio v-zwoelf - stock.adobe.com

Die Corona-Pandemie hat global und auch in Österreich ihre Spuren hinterlassen. Weltweit sank das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2020 um 3,4 Prozent (Weltbank 2021). In Österreich betrug der Rückgang der realen Wirtschaftsleistung aufgrund von zwei Lockdowns (16. März bis 01. Mai 2020/17. November bis 06. Dezember sowie ab 26. Dezember 2020) 6,7 Prozent.

Geringfügig höher fiel der Wachstumsverlust in der Steiermark aus, wobei hierzulande vor allem die Exportabhängigkeit stärker ins Gewicht fiel als in anderen Bundesländern. In der Steiermark kam es von 2019 auf 2020 zu einem Rückgang bei den Exporten um minus 14,2 Prozent (höchster Rückgang auf Bundeslandebene). Österreichweit sind die Exporte um knapp 11 Prozent eingebrochen. Trotz der massiven Stützungsprogramme der Regierung ist die Arbeitslosenquote im Jahr 2020 in Österreich bei einer sinkenden Beschäftigung von 2,1 Prozent gegenüber 2019 auf 9,9 Prozent gestiegen. Doch mit dem Ende des Lockdowns im Jahr 2021 hat die Wirtschaft beträchtlich an Fahrt gewonnen. Die Arbeitslosenrate wurde schrittweise reduziert. Im Oktober 2021 betrug diese in der Steiermark 5,1 Prozent. Dies war der niedrigste Wert seit 35 Jahren und auch die Beschäftigung hat mit 543.000 Personen einen Rekordwert erreicht.

Konjunkturelle Arbeitslosigkeit war nicht mehr vorhanden. Der limitierende Faktor in allen Sektoren waren Arbeitskräfte und Materialengpässe, die einen noch schnelleren Rebound verhinderten. Doch mit den steigenden Fallzahlen und Intensivpatientinnen und Intensivpatienten wurde in Österreich nun mit 22.11.2021 erneut die Notbremse gezogen. Eine Bremse, die der Wirtschaft teuer zu stehen kommt.

Bevor eine Quantifizierung der Effekte des aktuellen, ab 22.11.2021 geltenden Lockdown erfolgt, sei kurz auf die allgemeinen volkswirtschaftlichen Effekte von Lockdowns (vgl. Baumgartner et al. 2020 sowie Schöpfer 2021 und Statistik Austria 2021) verwiesen, die im Jahr 2020 zu beobachten waren.  

Volkswirtschaftliche Effekte von Lockdowns in Österreich (Auswahl):

  • Sinkende Nachfrage (sektoral und gesamtwirtschaftlich)
  • Sinkendes Produktionsniveau
  • Anstieg der Arbeitslosigkeit (durch Kurzarbeit jedoch abgefedert)
  • Sinkende Produktivität (Output je unselbständige Beschäftigte)
  • Höhere Sparquote
  • Weniger Steuereinnahmen
  • Höhere Staatsausgaben – Anstieg der Staatsverschuldung

Wachstumshemmende Effekte von aktuellen Lockdowns in Österreich und der Steiermark

Um die spezifischen Auswirkungen des aktuellen Lockdowns in Österreich analysieren zu können, muss erneut ein Blick in die Vergangenheit getätigt werden. Der von der OeNB (2021) zur Verfügung gestellte wöchentliche BIP-Indikator zeigt, dass beim ersten harten Lockdown ab 16.03.2020 in Österreich die wöchentliche Wirtschaftsleistung real pro Woche im Durchschnitt um rund 23 Prozent zurückging. Der Spitzenwert lag damals in der Kalenderwoche 14 im Jahr 2020 bei minus 26,5 Prozent. Beim zweiten harten Lockdown ab 17.11. bzw. 26.12. war der Rückgang der Wirtschaftsleistung im Wochenvergleich zum Vorjahr im Schnitt rund 10 Prozent (Spitzenwert minus 13,5 Prozent vom 23. bis 30.11.).  

Diese Echtdaten können Aufschluss über die Auswirkungen des aktuellen Lockdowns auf die Wirtschaftsleistung in Österreich geben, wobei die Effekte in den Bundesländern – vor allem aufgrund der unterschiedlichen Bedeutung des Tourismus – unterschiedlich ausfallen können. Tirol und Salzburg sind in dieser Hinsicht stärker betroffen als die Steiermark. So hat der Tourismus in diesen beiden Bundesländern einen direkten Anteil von 8,3 bzw. 5,6 Prozent an der gesamten Wirtschaftsleistung. In der Steiermark hängen nur 3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung direkt vom Tourismus ab (vgl. Wiener Zeitung 2021).

Die Quantifizierung bzw. Schnellschätzung für Österreich und die Steiermark sieht folgendermaßen aus (vgl. auch Weyerstrass 2021). Legt man das Bruttoinlandsprodukt zu Marktpreisen von Österreich im Jahr 2019 als Basis zu Grunde, so ergibt sich eine wöchentliche Wirtschaftsleistung von 7,2 Milliarden Euro. Geht man nun davon aus, dass der Effekt des Lockdowns auf die Wirtschaftsleistung ähnlich wie beim Lockdown vor rund einem Jahr minus 10 Prozent pro Woche beträgt, so ergibt sich mindestens ein Wert von minus 720 Millionen Euro oder rund 100 Millionen Euro pro Tag. Das WIFO hat eine ähnliche Größenordnung errechnet, das IHS ist hier etwas pessimistischer und geht von 1 Milliarde Euro pro Woche aus (vgl. Wochenzeitung „Die Presse“ 2021).

Ein dreiwöchiger harter Lockdown könnte unserer Schätzung nach mindestens 2 Milliarden Euro an Verlust der Wirtschaftsleistung in Österreich bedeuten. Für die Steiermark ist anzunehmen, dass die Effekte des jetzigen Lockdowns aufgrund der strukturellen Beschaffenheit (Produktions- und Exportbundesland, geringere Bedeutung des Tourismus als im Westen) sich etwas günstiger als im Bundesschnitt bewegen werden:

Als grobe Schätzung kann also davon ausgegangen werden, dass der Lockdown der Steiermark zwischen 70 und 100 Millionen Euro pro Woche „kostet“.

Es ist diesmal davon auszugehen, dass Exporteinbrüche weniger als im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 zum Wachstumsverlust beitragen, sondern der Effekt des abnehmenden privaten Konsums aufgrund steigender Sparquoten (vgl. WIFO 2021) und des Shut-Downs der Tourismusbranche (keine inländischen Gäste, keine Tourismusexporte bzw. ausländische Gäste) stärker zu Buche schlagen werden. Verlagerungseffekte des inländischen Konsums vom Tourismus in den Lebensmittelhandel sind zwar teilweise zu erwarten, können die Nachfrageausfälle aber wohl kaum kompensieren. Der Effekt auf die Freizeitbranchen und betroffenen Dienstleistungsbereiche ist jedoch „netto null“.

In Bezug auf den Handel werden „click-and-collect“ bzw. „click-and-deliver“-Angebote gewisse Einnahmenausfälle abfedern, das gesamte Konsumniveau wird aber in Verbindung mit der zu erwartenden höheren Sparquote erwartungsgemäß niedriger sein als ohne Lockdown. Zudem haben laut dem aktuell publizierten Digitalisierungsindex DESI der Europäischen Kommission nur 22 Prozent aller KMU in Österreich einen Online-Vertrieb. Weiters werden nur 10 Prozent des Gesamtumsatzes der KMU über den Internethandel lukriert (Europäischen Kommission 2021, DESI Index 2021).

In theoretischer Hinsicht könnten die exakten Ausfälle und sektoralen Auswirkungen auf die Volkswirtschaft mit einer Input-Output-Analyse modelliert werden. So sind nicht nur die direkt betroffenen Branchen von der Schließung betroffen, sondern auch die Vorleistungsbereiche, also jene Sektoren, die als Zulieferer für diese Branchen dienen.

Die exakten Effekte bzw. auch was nach dem harten Lockdown passiert, wie und welche Öffnungsschritte gesetzt werden, sind hierbei nicht absehbar. Da der Lockdown für Ungeimpfte jedoch jedenfalls auch über den 13. Dezember hinaus gelten sollte, sind weitere, wenn auch geringere wachstumsdämpfende Effekte auch danach zu erwarten.  

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Lockdown (wenn bis 13.12. in Kraft) der Steiermark bis zu 300 Millionen Euro an Wirtschaftsleistung kosten wird.

Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist die Planungssicherheit das wichtigste, damit die positive Investitionsdynamik nicht ins Stocken gerät. Permanente Lockdowns gilt es in Zukunft jedenfalls mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu vermeiden. Dies erhöht die Unsicherheit in Wirtschaft und Gesellschaft und gefährdet die volkswirtschaftliche Entwicklung und das Wachstumspotential nachhaltig. Die eigentliche Gefahr besteht darin, dass Nachfrageschocks nicht nur temporäre, sondern permanente Wirkungen und Pfadabhängigkeiten mit sich bringen können. Im Falle von Lockdowns ist es etwa wichtig, dass „skills“ durch z.B. längere Kurzarbeit bzw. Absenz vom Arbeitsmarkt (oder dem Bildungssystem) nicht verloren gehen.


Literaturverzeichnis

Baumgartner et al. (2020), Makroökonomische Effekte des zweiten Lockdown in Österreich, WIFO, Wien – Makroökonomische Effekte des zweiten Lockdown in Österreich (wifo.ac.at) [abgerufen am 22.11.2021]

Die Presse (2021), Lockdown kostet Wirtschaft bis zu drei Milliarden Euro | DiePresse.com [abgerufen am 22.11.2021]

Europäische Kommission (2021), DESI – Digitalisierungsindex für Österreich https://ec.europa.eu/newsroom/dae/redirection/document/80575 [abgerufen am 22.11.2021]

Österreichische Nationalbank – OeNB (2021), Wöchentlicher BIP-Indikator Wöchentlicher BIP-Indikator der OeNB – Oesterreichische Nationalbank (OeNB) [abgerufen am 22.11.2021]

Schöpfer, G. (2021), Pandemien und ihre sozialen und wirtschaftlichen Folgen, Präsentation beim Sowi-Wirtschaftssymposium am 22.10.2021, Uni Graz.

Statistik Austria (2021), Produktivitätindex je unselbst. Beschäftigten. produktivitaetsindex_oenace_2008__2015100_je_unselbstaendig_beschaeftigten (1).pdf [abgerufen am 22.11.2021]

Weltbank (2021), The world bank data, GDP growth (annual %) | Data (worldbank.org) [abgerufen am 22.11.2021]

Weyerstrass, K. (2021), Volkswirtschaftliche Effekte des Lockdowns in Österreich, Telefonisches Interview am 22.11.2021. IHS – Institut für Höhere Studien, Wien.

Wiener Zeitung (2021), Online-Artikel –  Einnahmen – Tourismus bangt um Wintersaison – Wiener Zeitung Online [abgerufen am 22.11.2021]