Hintergrund

Das Gespenst der Inflation

Inflation, ein Gespenst, das derzeit die Medien beherrscht. Doch wieso spielt diese gerade jetzt so eine wichtige Rolle und wie kommt es überhaupt zu den steigenden Preisen?

Zuletzt aktualisiert am 18.11.2021, 08:44

Inflation: 100 Euro Scheine verbrennen mit lodernde Flamme.

Aktuelle Ursachen steigender Preise

Die Ursachen derzeit sind eine Kombination aus hoher Nachfrage und angebotsseitigen Engpässen. Ein Beispiel sind die Energie- und Ölpreise, pandemiebedingt gab es letztes Jahr hier einen Einbruch der Nachfrage. Durch die Lockerungen und das Eindämmen der Pandemie, sowie durch Währungseffekte (schwächerer US-Dollar) gibt es nun wieder eine steigende Nachfrage, was aktuell zu steigenden Preisen führt.

Weiters gibt es auch eine Verknappung von Rohstoffen, die als intermediäre Güter in zunehmend viele finale Güter einfließen. Mikrochips sind teilweise Mangelware, in der Pandemie wurde einerseits weniger produziert, andererseits ist aber die Nachfrage nach Computern und Laptops gestiegen. Den Mangel an Mikrochips spürt derzeit vor allem die Automobilbranche.

Eine Knappheit gibt es allerdings auch im Bereich anderer Vorleistungsprodukte wie bei Baurohstoffen, Stahl etc. Zusätzlich haben auch unvorhersehbare Ereignisse ihren Beitrag geleistet, so standen zum Beispiel in Texas nach Unwettern Produktionsstätten für einige Zeit still. Das hängengebliebene Container-Schiff am Suez-Kanal war ein weiteres Ereignis, das zusätzliche Engpässe zur Folge hatte. 

Nachhinkend sind nun auch Lebensmittel von Preissteigerungen betroffen. Höhere Energie- und Transportkosten wirken sich hier erst mit einer Verzögerung aus. Vor allem die Meldungen über Preissteigerungen bei Lebensmittel und die erhöhten Rohstoffpreise kurbeln Inflationsängste an. Insbesondere bei Industrierohstoffen gibt es jedoch laut der Österreichischen Nationalbank bereits erste Anzeichen dafür, dass die ungewöhnlich hohen Preisanstiege langsam abklingen.

Die Höhe der Inflation

Derzeit haben wir in Österreich eine Inflationsrate von 3,7 %. Die Europäische Zentralbank selbst hat seit Juli ein Inflationsziel von 2 % im Sinn. Wie die untenstehende Grafik zeigt, befindet sich Österreich seit 2009 selten über diesem Ziel.

Wichtig zu wissen ist, dass pandemiebedingte Preisanstiege aufgrund der zunehmenden Nachfrage nach einer Konjunkturabkühlung temporär sind (siehe etwa Holzpreis). Außerdem sind Lieferkettenprobleme und statistische Basiseffekte in der Phase der Erholung nach einer Krise normal. Wenn die Lieferengpässe verschwinden, fallen auch wieder die Kosten für Erzeuger und der Preisdruck lässt nach. Die Prognosen der Europäischen Kommission gehen für Österreich für das Gesamtjahr 2021 von einer Inflationsrate von 2,4 % und für 2022 von 2,2% aus.

Was sind die Kosten der Inflation? Was ist an einer Inflation problematisch?

Grundsätzlich ist ein kurzfristiger Anstieg des Preisniveaus als Konsequenz einer Zunahme der aggregierten Nachfrage oder einer Verknappung des aggregierten Angebotes kein besorgniserregendes Phänomen in einer dynamischen Wirtschaft, die von selbst wieder in das Gleichgewicht findet. Eine moderate Inflation ist Ausdruck eines funktionierenden Wirtschaftssystems, das auf Wachstum aufgebaut ist.

Langfristig gesehen jedoch ist nicht die gesamtwirtschaftliche Nachfrage oder das Angebot, sondern die Geldmenge verantwortlich für die Inflation. Geldmengenänderungen können (zumindest kurzfristig) realwirtschaftliche Effekte auslösen. Da sich die nominellen Zinsen gemäß dem so genannten „Fisher-Effekt“ jedoch an die Inflation anpassen, ist ein generell problematischer Effekt für den Konsumenten bzw. Unternehmungen, dass die Opportunitätskosten der Geldhaltung steigen. Wenn sich jedoch alle nominellen Preise, Löhne, Zinsen theoretisch simultan an eine beständige Inflationsrate anpassen, sind große Kosten der Inflation kaum absehbar.

In der Literatur (vgl. etwa Romer 2012) werden dennoch folgende negative Aspekte bzw. Kosten der Inflation beschrieben.

  • Preissteigerungen können von Unternehmen nicht immer 1:1 und zeitgleich weitergegeben werden, relative Preise sind daher Änderungen unterworfen und vertraglich festgelegte Geschäftsbeziehungen können darunter leiden.
    • Aktuell sind die Gewinnmargen daher niedrig
  • Preis- und Lohnanpassungen müssen häufiger stattfinden, was einen administrativen Aufwand für Unternehmen darstellt.
  • Wenn länger anhaltende Inflation besteht, sind steigende Zinsen die Folge, was für höher verschuldete Unternehmen problematisch werden könnte, die nicht in der Lage sind, ihre Einnahmenpositionen zu verbessern.
  • Das Steuersystem wird durcheinandergebracht, ein Beispiel dafür ist die kalte Progression bei der progressiven Einkommenssteuer, höhere Steuern sind die Folge.

Aus volkswirtschaftlicher Sicht werden mit steigenden Zinsen und auch aufgrund der Unsicherheit Investitionen weniger attraktiv. Gefährlich sind Lohn-Preis-Spiralen, die aufgrund des Verhandlungsdruckes von Gewerkschaften entstehen können. Mit inflationären Erwartungen der Gesellschaft kann die Inflation zur „self-fulfilling prophecy“ werden.

Zum Argument der Gewerkschaften, die drohenden Reallohnverluste heuer besonders großzügig ausgleichen zu wollen, ist einerseits anzumerken, dass gerade mit den Covid-19 Unterstützungsmaßnahmen (Kurzarbeit, sonstige Transfers) im Jahr 2020/2021 ein ohnehin hohes Reallohnniveau gehalten wurde, das bei der tatsächlichen Nachfrage nach Arbeit in vielen Branchen während der Pandemie nicht marktmäßig zu rechtfertigen gewesen wäre. Andererseits ist bei den Lohnverhandlungen auch die Produktivitätskomponente gemäß der so genannten Benya-Formel zu berücksichtigen (Lohnsteigerung = Inflation plus mittelfristiger Produktivitätszuwachs). Ein Blick auf die Zahlen der Statistik Austria zeigt, dass der Output je Arbeitseinheit während der Pandemie erwartungsgemäß niedriger als in den Jahren zuvor war. Auch dies ist ein Argument gegen überhöhte und vorschnelle Lohnabschlüsse.

Die These ist unabhängig von den bevorstehenden Ergebnissen der Lohnverhandlungen, dass sich die Wirtschaftskreisläufe, die für das derzeitige Preisniveau verantwortlich sind (Überschussnachfrage, Knappheitsphänomene), wieder stabilisieren werden und die Preisschübe daher nur von temporärer Natur sind, die realwirtschaftlich kaum Auswirkungen haben werden. Wie die Europäische Zentralbank (EZB) in Ihrer jüngsten Aussendung preisgegeben hat, wird das Inflationsziel nunmehr auf 2 % gesetzt (vgl. Begg 2021; bis vor kurzem noch unter 2 %), wobei sich laut EZB das Zinsniveau mittelfristig nicht maßgeblich ändern wird. Es ist also davon auszugehen, dass sich das Preisniveau in Summe um die 2 % einpendeln wird. 

Zusammenfassung

  • Kurzfristige Schwankungen von Rohstoffpreisen sind prinzipiell schlechte Indikatoren für die Prognose der langfristigen Inflationsentwicklung und sollten deshalb auch in der jetzigen Situation nicht überbewertet werden.
  • Der Preisdruck bei Rohstoffen lässt bereits etwas nach, derzeit sind vor allem die Energie- und Lebensmittelpreise (mit einer gewissen Verzögerung) steigend.
  • Die aktuelle Preisentwicklung ist nicht außergewöhnlich, da in Zeiten einer Erholung ein Anstieg der Nachfrage die logische Konsequenz ist.
  • Die geldpolitischen Parameter deuten auf keinen exorbitanten Anstieg des Preisniveaus hin (EZB – Ziel bei 2 %, Zinsprognose unverändert).
  • Lohn-Preisspiralen durch überhöhte Lohnabschlüsse stellen eine Gefahr für inflationäre Erwartungen dar. Produktivitätszuwächse waren pandemiebedingt gering.

Begg, Iain (2021), The European Central Bank’s revised monetary policy strategy. from LSE – Blog, London School of Economics https://blogs.lse.ac.uk/europpblog/2021/08/20/the-european-central-banks-revised-monetary-policy-strategy/ [abgerufen am 30.08.2021]

Österreichische Nationalbank (2021), „Inflation aktuell – Die Inflationsanalyse der OeNB Q3/21“

Romer, D. (2012), Advanced Macroeconomics, McGrawHill Higher Education.

Wirtschaftskammer Österreich (2021a), „Inflation – nur keine Panik“, Factsheet der Abteilung für Wirtschafts- und Handelspolitik https://news.wko.at/news/oesterreich/inflation-nur-keine-panik.pdf [abgerufen am 30.08.2021]

Wirtschaftskammer Österreich (2021b), „Rohstoffpreise im Blick“, Factsheet der Abteilung für Wirtschafts- und Handelspolitik“, https://newsletter.wko.at/Media/4dfb29b2-6443-4f57-aa55-b51ca878a0cd/2021/2021-08-17-analyse-rohstoffpreise.pdf [abgerufen am 30.08.2021]

Statistik Austria (2021a), VPI-Entwicklung

Statistik Austria (2021b), Produktivitätsindex ÖNACE 2008 (Ø 2015=100) je unselbständig Beschäftigten https://www.statistik.at/web_de/statistiken/wirtschaft/produktion_und_bauwesen/konjunkturdaten/produktivitaetsindex/index.html [abgerufen am 30.08.2021]