Die unbequeme Wahrheit

Demographie und Arbeitsmarkt: Oder wie der Fachkräftemangel der Krise trotzt

Trotz steigender Arbeitslosigkeit aufgrund der Corona-Krise steigt der Fachkräftemangel an – ein Paradoxon am heimischen Arbeitsmarkt.

Zuletzt aktualisiert am 22.10.2021, 10:12

Fachkräfte im Großraumbüro, die am Computer Bauteile entwerfen. Copyright: Gorodenkoff Productions OU - stock.adobe.com

Die Folgen der Corona-Krise haben den Wirtschaftsstandort fest im Griff. So verzeichnete die Steiermark 2020 nicht nur einen massiven Einbruch der Bruttowertschöpfung, sondern auch einen rekordverdächtigen Anstieg der Arbeitslosigkeit, und dies trotz erfolgreicher, früh gesetzter Gegensteuerungsmaßnahmen (z.B.: Corona-Kurzarbeit, Haftungen, Härtefallfonds, Stundungen etc.). Am Arbeitsmarkt sind die Folgen auch 2021 noch spürbar. Allerdings drängt in diesem Kontext zusehends ein Thema in den Vordergrund, welches man in der derzeitigen Situation für eher unwahrscheinlich hielt: der Fachkräftemangel.

Das Paradoxon des Fachkräftemangels trotz der Krise

Mit Beginn des Frühjahrs 2021 sind in der Steiermark immer noch 51.000 Personen (inkl. Schulungsteilnehmer) arbeitslos. Rund 14.500 Personen sind dem Segment der Langzeitbeschäftigungslosen zuzuordnen und damit schwer vermittelbar. Setzt man diesen Zahlen die Anzahl der offenen Stellen gegenüber, so wird am heimischen Arbeitsmarkt eines deutlicher denn je. Es besteht ein „Mismatch“ zwischen den nachfragten Qualifikationen und den angebotenen bzw. verfügbaren Qualifikationen. Führt man sich vor Augen, dass die derzeit fast 12.000 beim AMS gemeldeten offenen Stellen um die nicht gemeldeten offenen Stellen ergänzt werden müssen, da max. zwischen 50 und 60 % der tatsächlich offenen Stellen auch dem AMS gemeldet werden, wird die derzeitige Lage noch offensichtlicher. Rund 20.000 offene Stellen dienen als Beleg, dass der heimische Arbeitsmarkt, selbst in Krisenzeiten, keineswegs nur ein Nachfrageproblem hat.

Auch die Ergebnisse des jüngsten Fachkräfteradars der WKO bestätigen diesen Befund. So fördert die sogenannte Stellenandrangziffer, die die Anzahl der arbeitslosen Personen (Qualifikation: mindestens Lehrabschluss) pro offener Stelle darstellt, als Fachkräfteindikator für qualifizierte Berufe nur ein unwesentlich anderes Bild zutage wie 2019. So liegt dieser Wert steiermarkweit aktuell bei 1,51 und folglich nur geringfügig über dem Wert von 2019 mit 1,35. Wesentlich hierbei ist, dass ab einem Wert von kleiner 1,5 von einem echten Fachkräftemangel gesprochen wird. Paradoxerweise heißt das, dass trotz hoher Arbeitslosigkeit der Fachkräftemangel wieder das Bild am heimischen Arbeitsmarkt bestimmt. Dies bringt unweigerlich die Frage mit sich, wie diese Entwicklung weitergehen wird und welche Gegenmaßnahmen ergriffen werden oder ergriffen werden können.  

Demographische Entwicklung wird zum Flaschenhals für den Aufschwung

Eine rasche, natürliche Besserung dieser Situation ist nicht in Sicht, im Gegenteil. Der demographische Wandel auf der einen und der strukturelle Wandel, technisch und wirtschaftlich bedingt, auf der anderen Seite werden die Problematik in den kommenden Jahren weiter verschärfen. Die quantitative Differenz zwischen jenen Personen, die derzeit in Pension gehen, und jenen, die in das Berufsleben einsteigen, steigt seit Jahren. Die südösterreichischen Bundesländer Steiermark und Kärnten sind demographisch besonders negativ betroffen.

Ein Blick auf die Alterskohorte der 18-Jährigen und 65-Jährigen offenbart jene demographische Schere, die immer stärker auseinanderklafft und dabei Lücken in den Arbeitsmarkt schneidet. Aktuell stehen 11.200 potenzielle Berufseinsteiger 14.400 Personen gegenüber, die das gesetzliche Pensionsantrittsalter erreicht haben. Aufgrund von Studium, weiterführenden Ausbildungen etc. steht ein nicht unbeträchtlicher Teil dieser knapp über 11.000 Personen dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung. Ferner lässt sich der Schluss ableiten, dass jährlich doppelt so viele Steirer dem Arbeitsmarkt abhandenkommen, wie diesem zugeführt werden. Folgt man der Trendvariante der Statistik Austria, dürfte der steirische Beschäftigungsrekord des Jahres 2019 nicht mehr erreichbar sein. Dies ist darauf zurückzuführen, dass sich die Anzahl der Erwerbspersonen bis 2030 um über 20.000 verkleinern wird. Folglich kommt dem heimischen Arbeitsmarkt bis 2030 eine Stadt in der Größe Leobens abhanden.

Arbeitsplatznahe Qualifizierung statt Frühpensionierung

Am heimischen Arbeitsmarkt ist das Hauptaugenmerk derzeit klar auf eine Reduktion der hohen Arbeitslosigkeit gerichtet. Inwieweit zur Erreichung dieses Ziels nur jene Instrumente Einsatz finden, die Arbeitnehmern und Arbeitgebern gleichermaßen nutzen, lässt sich derzeit nicht abschätzen. Es bleibt jedoch zu hoffen, dass man eine der gängigsten Arbeitsmarkt-Methoden der jüngeren Geschichte dieses Mal nicht zur Anwendung bringt: Frühpensionierungen. Viel wichtiger wäre es – so herausfordernd die Lage und die Verlockung rascher Arbeitslosenquotenrückgänge auch sein mögen–, andere Instrumente zu forcieren. Ohne allgemeine erwerbsverlängernde Maßnahmen, eine höhere Treffsicherheit der Bildungs- und Ausbildungswege sowie eine Aktivierung der stillen Arbeitsmarktreserve wird es nicht gelingen, die negativen Folgen der Demographie auf dem Arbeitsmarkt abzufedern. Vor allem die unternehmensnahen Aus- und Weiterbildungsschienen haben ihre Schlagkraft bereits unter Beweis gestellt und sollten auch bei älteren Arbeitskräften dauerhaft in den Fokus genommen werden.

Die Senkung der Lohnnebenkosten für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über 50 muss auch wieder in den Zielfokus genommen werden. Ferner gilt es, die Digitalisierung zu nutzen. Gerade im öffentlichen Sektor ließen sich damit Redimensionierungen vornehmen. Aber selbst wenn es gelingt, das Regelpensionsalter auch in unserem Land endlich gesellschaftsfähig zu machen, sorgt die demographische Entwicklung dennoch unweigerlich dafür, dass an einer qualifizierten Zuwanderung kein Weg vorbeiführen wird. Auch dies darf in der Debatte nicht unter den Tisch fallen, will man den rasch ersehnten wirtschaftlichen Aufschwung nicht bereits im Keim ersticken.

Das meinen die Experten

Bis 2030 kommt allein der Steiermark das Arbeitsmarktpotenzial einer Stadt in der Größe Leobens abhanden. Dass uns die Demografie diesen eklatanten Rückgang an Erwerbstätigen beschert, ist aus Expertensicht dramatisch. Denn dieser Wandel schwingt sich aktuell zum eigentlichen Flaschenhals der konjunkturellen Wiederauferstehung hoch. Die aktuelle öffentliche Debatte über die Grenzen der Zumutbarkeit für Arbeitslose ist da wenig hilfreich, denn diese lenkt nur von der unbequemen arbeitsmarktpolitischen Wahrheit ab, die da lautet: Trotz Rekordarbeitslosigkeit passen das Angebot an Mitarbeitern und die zu besetzenden Stellen nicht zusammen. Die entsprechende Power an Fachkräften ist aber Grundvoraussetzung für die globale Wettbewerbsfähigkeit des Standorts. Daher muss sichergestellt werden, dass dieses Personal vorhanden ist – oder vorhanden bleibt. Heißt: Auch wenn es schmerzt, führt kein Weg daran vorbei, das tatsächliche Regelpensionsalter in Österreich endlich gesellschaftsfähig zu machen. Selbst die OECD empfiehlt unserem Staat umgehende Anpassungen des Pensionssystems – und die Berücksichtigung der demographischen Entwicklung.

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